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Texas Proud · Memoir

Die Eiche, unter der ich einmal liegen wollte

Meine Jahre auf einer Ranch in Texas

Sebastian Sauerborn Bastrop County, Texas 31 Min. Lesezeit
I

Zikaden

Drei Kilometer Schotterpiste, und am Ende ein Tor.

Die Maklerin war noch nicht da. Ich stellte den Motor ab, und in die Stille hinein fiel dieses Sägen der Zikaden, das man nach dem ersten texanischen Sommer nie wieder aus dem Ohr bekommt. Die Kinder hatten die Türen schon aufgerissen, bevor der Pickup richtig stand, und rannten den Hang hinunter zum Teich. Teich ist untertrieben: fast ein Hektar Wasser, in der Form eines fetten Fisches mit aufgerissenem Maul. In Texas nennt man so etwas stock tank, Viehtränke, was der Sache nicht gerecht wird. Man kann darin schwimmen. Unsere Kinder taten das später den ganzen Sommer, und irgendwann hatten sie sogar ein kleines Boot.

Meine Frau und ich blieben am Pickup stehen und sagten minutenlang nichts.

Es war die Stunde vor Sonnenuntergang, Hochsommer, fünfzig Kilometer südöstlich von Austin. Über den Weiden lag jenes Licht, für das es im Deutschen kein Wort gibt und im Englischen nur ein abgegriffenes. Es liegt nicht auf den Dingen, es steht in ihnen. Das Gras leuchtet von innen, die Rinde der Eichen wird kupfern, und der Staub, den die Kinder aufwirbeln, steht in der Luft und glimmt.

Ich habe an diesem Abend zum ersten Mal begriffen, dass Licht ein Grund sein kann, irgendwo zu bleiben.

Seither ist es mir heilig.

Das Anwesen hatte ein halbes Jahr leer gestanden und lag da, als schliefe es. Kein Mensch weit und breit. Nichts von dem, was eine Farm sonst ausmacht, kein Vieh, kein Motor, keine Stimmen. Nur diese Weite, die sich vor uns auftat, still und feierlich, und hinter meiner Stirn schon das Bild davon, wie das hier aussehen würde, wenn wir es wieder zum Leben erweckten.

Wochenlang waren wir durch Zentraltexas gefahren. Einmal hatten wir sogar schon unterschrieben, dann platzte der Kauf in letzter Minute. So geht das im Leben. Du suchst und suchst nach einem Ort, und irgendwann hört das Suchen auf, weil ein Ort dich gefunden hat.

Ich hatte diesem hier nichts entgegenzusetzen. Nicht das Geringste. Der Makler der Verkäuferseite würde mit mir leichtes Spiel haben, und das wusste ich in dem Moment, in dem ich ausgestiegen war.

Meine Frau drehte sich um und lächelte, und wir brauchten kein Wort.

Weiter hinten stand das Haupthaus, ein texanisches Ranchhaus aus Holz unter rotem Blech, vorne und hinten eine überdachte Veranda, an der hinteren eine Schaukelbank. Drumherum eine rote Scheune, eine kleine Hütte für Ranchhelfer, ein Wirtschaftsgebäude, ein Pumpenhaus. Das Gelände fiel kaum merklich ab, und ganz unten lag der Teich.

Die Hälfte des Landes war offene Weide mit alten, weit ausladenden Eichen, unter denen Vieh Schatten findet. Seit Monaten hatte niemand gemäht. Das Gras stand hoch und wogte im Abendwind in langen Wellen, ein goldenes Meer, und ich verstehe seitdem, warum in jeder Umfrage nach der schönsten Landschaft am Ende immer die Weide gewinnt und nie der Gipfel.

Die andere Hälfte war Wald, verwachsen und wild, Laubbäume und dazwischen diese verfluchten Mesquiten, die jeder texanische Rancher hasst und niemand loswird.

Für die Kinder war das kein Grundstück, sondern ein Versprechen. Ein Wald voller Schlangen und wilder Schweine, ein See zum Schwimmen und Angeln, und niemand, der sagt, wo die Grenze ist.

Alles zusammen war in einem Zustand, den die Maklerin später mit dem schönsten Satz der Immobilienbranche zusammenfasste: viel Potenzial.

Es war das schönste Stück Land, das ich je gesehen hatte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wir schlugen zu.

II

Wie ein Deutscher in Bastrop County landet

Der Rest war Papierkram, und der ist in Amerika erstaunlich schnell erledigt.

Der Kauf war überraschend einfach und überraschend günstig. Der amerikanische Immobilienmarkt taumelte noch unter den Folgen der Finanzkrise, und landwirtschaftliche Flächen wurde damals kaum jemand los. Wir hatten ein Jahr zuvor unser Haus in London verkauft und konnten eine ordentliche Anzahlung leisten, der Rest lief über eine Hypothek. Eine Woche später waren wir texanische Rancher.

Wir nannten den Ort Vaquera Ranch, nach dem spanischen Wort für Cowgirl, denn das war meine Frau.

Sommer 2011, Bastrop County, fünfundvierzig Autominuten von Austin. Von da an zähle ich.

Wer jetzt wissen will, wie eine deutsche Familie an einem solchen Tor landet, muss drei Jahre zurückgehen, und dann noch ein Stück weiter, bis in ein Kinderzimmer.

In die Vereinigten Staaten ausgewandert bin ich im September 2008, aus London. Der Anlass war geschäftlich. Ich hatte zwei Jahre zuvor in London eine Kanzlei aufgebaut, die gut lief, und wollte das erste Büro außerhalb Europas eröffnen. Aber wer ehrlich ist, gibt zu, dass hinter jedem geschäftlichen Grund noch ein zweiter steht. Amerika war für mich nie ein Markt. Es war ein Kindheitstraum mit Steuernummer.

2011 hatte ich Miami satt. Eine großartige Stadt, wirklich, aber alles daran ist Durchreise. Menschen kommen, Menschen gehen, und nach ein paar Jahren merkst du, dass nichts Wurzeln schlägt, weder Freundschaften noch Nachbarschaften noch du selbst.

Den Sommer davor hatten wir in der Gegend um Austin verbracht, und die ganze Familie hatte sich verliebt. Nicht in den Boom, den heute jeder kennt. Austin boomte damals nicht, und ehrlich gesagt hätte es uns auch nicht interessiert. Uns gefiel das Land drumherum, die Preise dafür, die Freundlichkeit der Leute und diese unbeirrbare texanische Schrulligkeit.

Wir wollten ein Leben aus einem Guss. Kein Wohnort hier und ein Beruf dort und irgendwo dazwischen die Kinder, sondern ein Vorhaben, an dem alle beteiligt sind und in dem jeder trägt, was er tragen kann. Wir suchten kein Haus. Wir suchten einen Ort, an dem eine Familie über Generationen bleibt.

Meine Frau brannte für die Idee. Pferde waren ihr Leben, von Kindesbeinen an. In Miami hatten wir auf einem Reitgrundstück gewohnt und drei Pferde gehabt, aber es fehlte an Platz für alles, was sie eigentlich vorhatte. In Texas konnte sie zum ersten Mal etwas Eigenes aufbauen, mit jungen Quarter Horses, mit Ausbildung, mit einem Namen in einer Szene, die es dort tatsächlich gibt.

Und ich? Karl May und Bonanza. Man kann das belächeln, und man sollte es sogar, aber es bleibt wahr. Es gibt in jedem deutschen Mann meiner Generation eine Schicht, die zwölf Jahre alt ist und ein Pferd will.

Beruflich stand nichts im Weg. Mein Bruder führte London, das Büro in Miami hatte ich von Anfang an so gebaut, dass es meine tägliche Anwesenheit nicht brauchte. E-Mail und Skype würden reichen, und alle paar Wochen ein Flug. Ich zog nach Texas und nicht auf den Mars.

Blieben die Kinder. Sieben Stück, zwischen drei und fünfzehn.

Sie waren begeistert. Kinder, die draußen aufwachsen dürfen, muss man zu so etwas nicht überreden.

Schulisch war es ohnehin kein Thema, denn wir unterrichteten zu Hause. Das war keine Verlegenheitslösung, sondern eine Überzeugung. Wir wollten den Staat nicht an der Bildung unserer Kinder beteiligen. Was in Deutschland und in ganz Westeuropa Schule heißt, ruht im Kern auf viktorianischen Vorstellungen und hat einen einzigen ehrlichen Zweck, nämlich verlässliche Arbeitsbienen hervorzubringen, die gelernt haben, dass Fragen von oben kommen und Antworten nach oben gehen.

Texas ist für Familien wie uns das gelobte Land. Die Freiheiten sind groß, die Gemeinschaft der Homeschooler ist stark, und wer neu ankommt, hat innerhalb von zwei Wochen mehr Anschluss als in Deutschland nach zwei Jahren. Wie das rechtlich und praktisch heute aussieht, haben wir in unserem Bereich Land und Leute aufgeschrieben, zusammen mit dem Alltagskram, an dem Auswanderungen tatsächlich scheitern: Schulen, Versicherungen, Führerschein, Bankkonto, Lebenshaltungskosten.

Also kündigten wir die Wohnung in Miami, brachten unser Zeug ins Lager und fuhren los. Meine Frau am Steuer des Dodge Ram mit dem Pferdeanhänger, ich voraus im Geländewagen mit sieben Kindern. Vier Tage später standen wir in San Antonio.

III

Achtzehn Hektar

Im Kaufvertrag standen fünfundvierzig Acre. Das ist eine Zahl, mit der ein Deutscher nichts anfangen kann, und ich brauchte selbst eine Weile, bis sie mir etwas sagte.

Ein Acre ist ungefähr ein Fußballfeld, zweieinhalb davon ergeben einen Hektar. Wir hatten also achtzehn Hektar. Für texanische Verhältnisse ist das gar nichts. Dafür haben sie dort ein eigenes, leicht spöttisches Wort: Ranchette. Das, was Städter sich kaufen.

Gemessen an meinen großen Bildern war die Wirklichkeit bescheiden. Das Haus war bequem, aber einfach, und erinnerte mich mehr an die Hütten meiner Pfadfinderzeit als an die fünfhundert Quadratmeter mit Pool und Kinoraum, die wir gerade in Florida zurückgelassen hatten.

Dazu kam die Dürre. Zentraltexas vertrocknete in jenen Jahren. Wo eigentlich die einheimischen Gräser stehen, lag auf großen Flächen nur brauner, aufgerissener Boden, das Ergebnis von Überweidung und Jahren ohne Pflege.

Uns gefiel gerade der Kontrast. Ein Haus, das nichts vorgibt. Ein Land, das etwas fordert.

Fünf Gebäude, alle aus Holz bis auf die Scheune. Das Haupthaus aus den achtziger Jahren stand, wie damals üblich, auf Pfählen und Trägern, darunter ein knapper halber Meter Kriechraum für Leitungen und Kabel. Innen zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, oben eine Empore, aus der wir ein weiteres Kinderzimmer machten, unten Küche und Wohnraum in einem, überall Dielen. Alles funktionierte, vor allem die Klimaanlage, und das ist in Texas keine Nebensache, sondern die Voraussetzung für alles andere.

Neben dem Haus das Pumpenhaus, denn wir hatten unseren eigenen Brunnen. Ein leicht erhöhter Kalksteinweg führte hinüber zum Wirtschaftsgebäude mit Sattelkammer und Werkstatt, darüber mein Büro. Zwischen beiden Gebäuden stand eine Eiche, die mehrere hundert Jahre alt sein muss und deren Krone ein Dach über den ganzen Vorplatz spannte.

Fünfzig Meter weiter ein Häuschen mit einem Zimmer, für Gäste oder Personal. Und die rote Scheune, ohne die keine texanische Ranch eine texanische Ranch ist.

Eingezäunt war alles, unterteilt war das meiste, und jeder einzelne Zaun brauchte Arbeit.

Rundum lagen andere Ranches. Hinten grenzte ausgerechnet das Land des Wrestlers The Undertaker an unseres. Ihn habe ich nie getroffen, unsere Kühe schon, die gelegentlich zu ihm hinüberspazierten. Bei ihm stiegen ab und zu Leute ab, über die man in Rockne noch Wochen später sprach, Brad Pitt zum Beispiel oder Tom Cruise.

Unsere Nachbarin hieß Peggy, eine ältere Dame, die seit Jahrzehnten dort lebte und deren Mann kurz vor unserer Ankunft gestorben war. Zu ihr waren es zehn Minuten zu Fuß.

An der Schotterstraße lagen vier oder fünf weitere Anwesen. Man teilte sich die Instandhaltung und ansonsten wenig. Das war kein Zerwürfnis, so ist das auf dem Land. Man lässt einander in Ruhe, bis einer Hilfe braucht.

Abgelegen waren wir, einsam nicht. Fünfundzwanzig Minuten nach Bastrop, fünfzig nach Austin. Und zehn Minuten entfernt lag Rockne, ein Nest mit dreihundert Seelen, gegründet in den 1860er Jahren von deutschen Auswanderern. Ihre ersten Hütten stehen heute als Museum, und ich bin oft hingefahren, lange bevor ich verstanden hatte, warum mich das so umtrieb.

In der Sacred Heart Church von Rockne gingen wir zur Messe. An der Tankstelle mit dem angeschlossenen Laden kauften wir Eier, Brot und Milch, und die Betreiber hatten für jeden Besuch eine Geschichte parat über die Berühmtheiten, die auf Zigaretten und Bier hereinschneiten, wenn sie beim Undertaker zu Gast waren.

IV

Was Besitz mit einem Mann macht

So sah das Leben von außen aus. Von innen sah es vollkommen anders aus, und dafür gibt es kaum Wörter.

Die Jahre auf der Ranch waren die beste Zeit meines Lebens. Ich sage das nicht so dahin.

Und mir ist heute so klar wie damals: So will ich leben. Das ist keine Erinnerung, das ist ein unerledigter Auftrag. Ich arbeite seit jenem Sommer stur darauf hin, dass es wieder so wird. Ich rede selten darüber, weil ich weiß, wie schwer meine Nächsten diesen Gedanken aushalten. Ich vertraue darauf, dass sich das eines Tages fügt.

Über Fläche kann man reden. Über das andere kaum.

Eine amerikanische Rancherin hat einmal beschrieben, wie es ist, über das eigene Land zu gehen und in den Himmel zu sehen, auf die Wolken und das Gras, und wie dabei die Grenze zwischen ihr und alldem weich wird. Sie nannte es das tiefste Gefühl der Zugehörigkeit, das sie kannte. Ich habe damals gedacht, das sei Schwärmerei. Nach wenigen Wochen wusste ich, dass es eine Beschreibung ist.

Hier sollten meine Kinder aufwachsen. Hier sah ich uns als alte Leute, an Weihnachten und Thanksgiving mit einem Tisch, den man verlängern muss. Das sollte der Stammsitz der Sauerborns in Texas werden, und irgendwann wollte ich unter einer dieser Eichen liegen, unter dem größten Himmel, den ich kenne.

Es hat sich zum ersten Mal im Leben angefühlt, als wären wir angekommen.

V

Der Gentleman Rancher

Und jetzt muss ich ehrlich werden, sonst wird aus alledem eine Postkarte.

Ich war kein Rancher. Ich war ein Gentleman Rancher.

Der Ausdruck ist alt, zur Hälfte ehrenvoll und zur Hälfte spöttisch, und er trifft auf mich genau zu. Der Gentleman Rancher besitzt das Land, er bezahlt das Land, er liebt das Land. Und er sucht sich aus, wann er sich die Hände schmutzig macht.

Genau darum ging es. Nicht um die Arbeit. Um die Wahl.

Ich hatte kein Interesse daran, Boxen auszumisten. Ich hatte kein Interesse daran, im Februar um vier Uhr früh bei Nieselregen Heu auf die Weide zu fahren, weil es getan werden muss, ob man Lust hat oder nicht. Ich habe das auch nie behauptet, weder damals noch heute. Wer sich mit der Romantik der Schwerstarbeit schmückt, ohne sie tatsächlich zu leisten, macht sich vor denen lächerlich, die sie leisten, und die durchschauen einen ohnehin am ersten Tag.

Wollte ich reiten, stand mein Pferd gesattelt bereit. Einer der Hands hatte es hergerichtet. Ich saß auf, ritt über mein Land, und wenn ich zurückkam, nahm mir jemand die Zügel ab.

Das ist die Wahrheit, und sie ist mir nicht unangenehm.

Denn was mich ergriffen hat an diesem Leben, war nie die Mistgabel. Es war das Verhältnis zum Boden. Der Nebel in den Senken. Der Zaun, an dem ich entlangging. Das Wissen, dass diese Erde unter meinen Stiefeln uns gehört, dass die Eichen darauf standen, lange bevor irgendein Sauerborn den Atlantik überquert hat, und dass sie noch stehen werden, wenn von mir nichts mehr übrig ist.

Der Gentleman Rancher ist ein zutiefst amerikanisches Geschöpf. Er hat etwas aufgebaut, meistens weit weg, meistens in einer Stadt, und er verwandelt das Erarbeitete in Land, weil Land das Einzige ist, was sich anfühlt, als bliebe es. Wer diesen Impuls kennt und ihm heute in den USA nachgeben will, findet bei uns die steuerliche Seite davon unter US-Immobilien, denn Grundbesitz in Amerika ist für einen Deutschen alles andere als einfach.

Vormittags habe ich mit Londoner Mandanten telefoniert, nachmittags Zaunpfähle bestellt. Ich habe Verträge geprüft und anschließend Sandwiches geschmiert und Getränke kalt gestellt, damit die Pferdekäufer nach dem Proberitt in der Hitze etwas hatten. Beides war ich. Gelogen wäre es erst, wenn ich eines von beidem verschwiege.

VI

Sieben Kinder und kein Klassenzimmer

Ehrlich sein musste ich vor allem gegenüber den Kindern, denn für sie war die Ranch kein Rückzugsort. Sie war der ganze Lehrplan.

Wir haben dieses Leben nicht einfach geführt, wir haben es gebaut. Nichts sollte nebenher passieren, am wenigsten die Erziehung.

Für das Lernen gibt es in den Vereinigten Staaten ein verbreitetes Modell, die One Day Academy. Die Kinder gehen einen Tag pro Woche in eine Schule und arbeiten die übrigen vier zu Hause. Bei uns fand dieser eine Tag in einer großen Freikirche der Gegend statt, und dort entstanden Freundschaften, die auch außerhalb hielten. Man muss dazu wissen, dass die Materialien solcher Akademien auf Selbstlernen ausgelegt sind. In der Praxis unterrichten Eltern also kaum Mathematik. Sie sorgen dafür, dass sich jemand hinsetzt.

Dazu kam sonntags die Katechese in Sacred Heart.

War die Schularbeit erledigt, waren die Kinder weg. Der Rest des Tages gehörte dem Teich, den Pferden, den Bäumen und der Suche nach versteinertem Holz, von dem in dieser Gegend erstaunlich viel herumliegt.

Pflichten hatten sie auch. Tiere versorgen, aufräumen, mit anpacken, und die Liste wurde länger, je mehr Tiere kamen. Das war der Sinn der Sache. Eine Familie, die gemeinsam an etwas arbeitet, ist etwas anderes als eine Familie, die abends gemeinsam isst.

Beim Unterricht zu Hause verschiebt sich ohnehin, was Lernen überhaupt heißt. Es hört auf, ein Fach zu sein, und wird zu einer Haltung gegenüber dem Tag. Wie heißt der Greifvogel da oben, und wovon lebt er? Warum sehen die Blätter dieses Baumes krank aus? Wie machen Zikaden dieses Geräusch, und warum hören sie alle gleichzeitig auf? Auf einer Ranch stolpert ein Kind täglich über ein halbes Dutzend solcher Fragen. Unsere eigentliche Aufgabe als Eltern bestand darin, die Sinne offen zu halten. Den Rest erledigen Kinder von allein, weil sie geborene Forscher sind und nichts so sehr hassen wie eine unbeantwortete Frage.

Abends fuhren wir oft nach Austin, wo meine Frau und die Kinder Capoeira trainierten. Damit hatten sie in Florida angefangen, und Mitglieder der Austiner Gruppe kannten wir schon von Treffen dort.

Ich habe meine Kinder nie wieder so müde gesehen. Zu Bett gehen war kein Thema, es war eine Erlösung. Sie fielen um und schliefen bis zum Morgen.

VII

Zwanzig Pferde

Was die Kinder als Abenteuer erlebten, war für ihre Mutter von Anfang an ein Betrieb.

Die Ranch sollte ein Unternehmen sein und kein teures Hobby.

Meine Frau hatte fünfzehn Jahre lang Kinder großgezogen, während ich unterwegs war. Dass jetzt sie an der Reihe war, etwas Eigenes aufzubauen, schien uns beiden selbstverständlich. Ob das klug war, ist eine andere Frage, und die Antwort darauf gehört nicht in dieses Kapitel.

Der Plan war ein Ausbildungsbetrieb für junge Quarter Horses nach den Methoden des natural horsemanship, also jener Schule, die den Willen des Pferdes nicht bricht, sondern die Rangordnung in einer Sprache klärt, die das Tier versteht. Meine Frau hatte sich das über Jahre aus Büchern, Kursen und Videos zusammengesucht und daraus ein eigenes Programm gemacht, drei Monate pro Pferd.

Ich mag Pferde. Ich bin weder ein guter Reiter noch in irgendeiner Hinsicht ein Fachmann. Meine Rolle war entsprechend: Kinder, Haushalt, ein bisschen Werbung. Und bezahlen.

Es war viel zu bezahlen.

Zuerst musste eingezäunt und unterteilt werden, das ganze Gelände. Dann Wasserleitungen auf die Weiden. Dann mobile Unterstände, Anhänger, ein Reitplatz. Sättel, Zaumzeug, Decken, immer wieder. Es hörte nie auf, und wer glaubt, er kenne die Kosten einer Sache, hat die Sache noch nicht angefangen.

Dann die Pferde. Wegen der Dürre gaben die Leute selbst gute Tiere für wenig Geld ab, und wir hielten das für den Moment, in dem man zugreift. Wir kauften Pferd um Pferd, bis über zwanzig auf dem Hof standen.

Und weil die Weiden verbrannt waren, mussten alle zugefüttert werden. Heu kam per Lastwagenladung, Kraftfutter tonnenweise. Wer in einem Dürrejahr eine Herde aufbaut, kauft nicht Tiere, er kauft Futterrechnungen.

Mich hat das nicht gestört. Wir lernten beide ein Gewerbe, das wir nicht kannten, und wer lernt, verbrennt Geld. Manches von dem, was wir taten, war schlicht dumm. Aber Klugheit im Rückblick ist die billigste Ware der Welt.

Verkauft wurden die Pferde als junge, verlässliche Nachwuchstiere an Reining-, Barrel- und Western-Pleasure-Reiter. Dafür gibt es in Texas einen echten Markt, weil das dort Amateursport ist und nicht Luxus. Die Leute suchen ein Pferd, das nicht scheut, das man anfassen kann und auf dem eine Tochter sitzen darf. Fünftausend Dollar, ungefähr.

Nach einer Weile gingen im Schnitt zwei Pferde im Monat weg. Das war ein hervorragender Wert für einen Betrieb, den es ein Jahr zuvor noch nicht gab. Wir warben über die üblichen Portale, und einer meiner wenigen sinnvollen Beiträge war eine ordentliche Website mit Bildern eines richtigen Fotografen. Ein paar davon hängen bis heute bei mir an der Wand.

Verluste machte der Betrieb trotzdem. Aber ich sah, wohin er lief. Nebenbei habe ich damals gelernt, was ich heute jeden Monat erkläre: ein amerikanischer Betrieb ist schnell gegründet und langsam verstanden. Wie man das heute richtig aufsetzt, steht bei uns unter US-Firmengründung, und wenn der Betrieb in Texas sitzen soll, ist die Texas C-Corporation der übliche Einstieg.

Angestellte hatten wir zunächst keine. Mein ältester Sohn half seiner Mutter, und zu zweit ritten und arbeiteten sie im Schnitt zehn Pferde am Tag. Er war sechzehn, stand zwölf Stunden am Tag draußen, sieben Tage die Woche, und er war glücklich dabei. Ich war maßlos stolz auf ihn und gleichzeitig beunruhigt, weil er ein außergewöhnlicher Kopf ist und ich sah, wie die Bücher hinter den Pferden zurückblieben.

VIII

Halb sechs, Nebel, London

Bezahlt wurde das alles nicht von den Pferden. Bezahlt wurde es aus Europa, und zwar vor Sonnenaufgang.

Vorher war ich alle acht Wochen für drei Wochen nach London geflogen. Im ersten Jahr auf der Ranch war ich kein einziges Mal außerhalb der Vereinigten Staaten. Ich hatte mich auf diese Sache eingelassen, und ich meinte es ernst.

Mein Büro richtete ich in der kleinen Gästehütte ein. Aufgestanden bin ich gegen fünf. Fünf Uhr in Texas ist Mittag in London, und so passte ein halber europäischer Arbeitstag in meine frühen Stunden.

Vorher aber ging ich die Zäune ab. Kaffee in der einen Hand, Zigarette in der anderen. Das Gras war nass, die Luft noch kühl, und über den Senken stand der Nebel, den die Sonne eine Stunde später weggebrannt haben würde, als wäre er nie da gewesen.

Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, ohne pathetisch zu werden. Nach zwanzig Jahren in Büros, nach Bilanzen, Strukturen, Verträgen und Gesellschaften, die es nur auf Papier gibt, war das hier zum ersten Mal etwas, das man anfassen konnte. Ein Zaun ist entweder heil oder er ist es nicht. Ein Pferd ist entweder auf der Weide oder es steht beim Nachbarn. Es gibt kein Ermessen und keine Auslegung.

Und es war mir anvertraut. Das Land, die Tiere, das Wasser. Es hat sich angefühlt, als gehörte das alles zur Familie, und ich habe das bei keinem meiner Unternehmen je so empfunden, weder vorher noch seitdem.

Ich glaube, für Männer liegt in der Arbeit mit den Händen etwas, das durch nichts zu ersetzen ist. Ein Loch im Zaun zu flicken oder ein ausgebüxtes Pferd einzufangen, gibt einem eine Sicherheit, die kein Geschäftsabschluss gibt.

Meistens war natürlich kein Loch zu flicken. Dann telefonierte ich, wenn der Kaffee leer war, und ich telefonierte so viel wie möglich draußen, solange kein Regen kam und kein Wind ging.

Gegen zwölf Uhr texanischer Zeit war Europa fertig. Es ist schwer zu beschreiben, was für ein Gefühl das ist, den halben Tag noch vor sich zu haben und zu wissen, dass jetzt niemand mehr anruft. Ein paar E-Mails, und der Rest gehörte der Ranch.

Möglich war das nur, weil ich in London und Miami Leute hatte, die ohne Aufsicht arbeiten konnten und wollten. Ich hatte befürchtet, dass meine Abwesenheit Probleme macht. Sie machte keine. Mein Bruder führte London hervorragend, und das ist eine Erkenntnis, die ich seitdem jedem Unternehmer mitgebe, der auswandern will: Wenn dein Geschäft deine Anwesenheit braucht, hast du kein Geschäft, sondern einen Job. Wer diesen Schritt heute plant, findet die steuerliche und aufenthaltsrechtliche Seite bei uns unter US-Steuern und US-Visum und Greencard, und für den Wohnsitzwechsel selbst gibt es die Schwesterseite wohnsitzausland.com.

Nachmittags fuhr ich nach Bastrop, Werkzeug holen, Futter, Ausrüstung. Oder wir sahen uns Pferde an. Und wenn meine Frau mit den Kindern unterwegs war und ich allein blieb, setzte ich mich mit einem Sixpack auf die Veranda und schaute meinem eigenen Leben dabei zu, wie es genau richtig war.

IX

Ein Tor, das offen steht

Wer so lebt, könnte leicht auf den Gedanken kommen, er brauche niemanden mehr. Bei mir war es genau umgekehrt.

Aufs Land zu ziehen hatte nie etwas mit Rückzug zu tun.

Das muss man betonen, weil bei Homeschoolern und Hofzuzüglern reflexhaft das Bild vom Eigenbrötler aufkommt, der sich einigelt und auf den Zusammenbruch wartet. Das war nie mein Gedanke. Ich wollte nicht autark werden, ich wollte dazugehören, und zwar auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Über Capoeira in Austin kamen die ersten Bekanntschaften, weil wir als Neue überall mitgingen, wo man uns mitgehen ließ.

Die Pfarrei nahm uns auf. Nach der Sonntagsmesse blieb man auf einen Kaffee stehen, und das Interesse an dieser deutschen Familie mit den sieben Kindern war beträchtlich. Man behandelte uns wie eine kleine Sensation, wollte die ganze Geschichte hören und lud uns ein. So habe ich meinen inzwischen verstorbenen Freund David Jones kennengelernt und seine Familie.

Über die Akademie kamen die Kinder an Freunde, über die Kinder kamen wir an deren Eltern, und das waren fast immer Familien wie unsere: kleine Ranch, viele Kinder, gläubig.

Auch der Betrieb selbst öffnete Türen. Wir vergaben die Arbeiten bewusst an örtliche Handwerker und kleine Firmen, und aus manchen Aufträgen wurden Grillabende.

Es sprach sich herum, dass da eine neue Familie mit viel Arbeit sitzt, und bald kamen Handwerker unangemeldet die Schotterstraße hoch, um sich vorzustellen. In London hätte ich für so etwas nicht einmal aufgemacht. Hier habe ich diese Besuche geliebt. Ich habe gern über die Projekte geredet und wollte hören, wie ein Fachmann die Sache sieht. Es hat mir sogar geschmeichelt, denn es bedeutete, dass man uns ernst nahm.

Als die ersten Pferde verkaufsfertig waren, kamen fast täglich Interessenten. Es gibt in jedem jungen Unternehmen diesen Moment, in dem aus der Idee ein Geschäft wird, und er hat immer dasselbe Gesicht: das eines Fremden, der Geld dabeihat und wissen will, ob das hier taugt.

Es taugte. Ich sehe meine Frau noch mit dem ersten Scheck in der Hand stehen, ungläubig, während der Käufer mit dem Anhänger vom Hof rollte.

Dann kamen Reitunterricht und Horsemanship-Kurse für die Homeschooler der Umgebung dazu, beworben bis nach Austin, und von da an standen mehrmals pro Woche Kindergruppen auf dem Platz. Kein großes Geld, aber stetiges, und vor allem: noch mehr Menschen.

Später boten wir geführte Ausritte an. Unser erster Kunde war der Polizeichef von Bastrop, der den Ritt seiner Frau zum Geburtstag schenkte.

Kunden, Lieferanten, Handwerker, Nachbarn, Freunde, Kinder. Ein ständiges Kommen und Gehen. Ich wollte genau das. Eine Ranch mit offenem Tor ist etwas anderes als eine Festung mit Aussicht.

X

Was auf den Tisch kommt

Zu einem offenen Tor gehört ein Tisch, und zu einem Tisch gehört die Frage, was darauf kommt.

Auf einem Stück Land kannst du ihr nicht ausweichen. Sie steht jeden Morgen vor der Tür.

Das Gras wächst oder es wächst nicht. Der Brunnen gibt Wasser oder er gibt keines. Der Regen kommt, oder er kommt eben nicht, und in unserem ersten Jahr kam er nicht.

Wir wollten nie Selbstversorger im Sinne einer Weltanschauung sein. Aber wir wollten den Weg zwischen dem Boden und unserem Tisch verkürzen. Eier von den eigenen Hühnern. Ein Garten, der uns mehr Arbeit abverlangte, als wir uns vorgestellt hatten, und der uns beibrachte, dass Demut eine landwirtschaftliche Kategorie ist. Fleisch von Nachbarn, deren Weiden wir gesehen und deren Namen wir gekannt haben. Honig von einem Imker, der ein paar Meilen weiter wohnte.

Es geht dabei nicht um Ernährungslehre und nicht um Moral. Es geht darum, wieder in einer Kette zu stehen statt am Ende eines Regals. Eine Tomate, die zweihundert Meter von der Küche entfernt gewachsen ist, schmeckt nicht besser, weil sie tugendhafter wäre. Sie schmeckt besser, weil sie reif gepflückt wurde, und weil du weißt, wie viel Wasser sie in einem Dürresommer gekostet hat.

Wir waren dafür viel zu unerfahren und viel zu ungeduldig, und wir haben es nicht gut gemacht. Aber wir haben verstanden, worum es geht. In Zentraltexas, wo wochenlang kein Tropfen fällt und der Boden aufreißt wie altes Leder, lernt man das schneller als anderswo.

XI

Die deutsche Spur

Wer fragt, woher sein Essen kommt, fragt irgendwann auch, woher der Ort kommt, an dem er isst. Und da wurde es merkwürdig.

Ich war als Deutscher an einen Ort gezogen, den Deutsche gegründet hatten. Ohne Absicht. Ohne die geringste Ahnung.

Rockne, unser Nest mit dreihundert Seelen, wurde in den 1860er Jahren von deutschen Auswanderern angelegt. In der Kirche hängen Bilder mit deutschen Inschriften. Die Familien tragen dieselben deutschen Namen wie vor hundertfünfzig Jahren. Die Gemeinde führt ein rotes Buch, in dem man die eigene Abstammung nachschlagen kann, was keine Folklore ist, sondern eine praktische Notwendigkeit an einem Ort, wo dieselben Familien seit Generationen untereinander heiraten. Und bis zum Zweiten Weltkrieg war die Umgangssprache in Rockne Deutsch.

Unser Land war einmal Teil der Walnut Creek Ranch gewesen, angelegt von einem dieser deutschen Gründer, hundertfünfzig Jahre bevor wir einen Bruchteil davon kauften.

Ich war, ohne es zu wissen, mitten in eine der größten deutschen Auswanderungsgeschichten hineingezogen, die es gibt.

Angefangen hat sie mit Briefen. In den 1830er Jahren ließ sich ein deutscher Bauer namens Johann Friedrich Ernst an einem Ort nieder, den man Industry nannte, damals der Rand der bekannten Welt, in einer jungen Republik, die sich gerade von Mexiko losgerissen hatte und noch nicht zu den Vereinigten Staaten gehörte. Ernst schrieb nach Hause. Er beschrieb Raum ohne Ende, fruchtbaren Boden, keine Fürsten, keine Zensoren, keine Musterungsoffiziere. Ein Land, in dem jeder arbeitsame Mann Grund erwerben und frei leben könne.

Deutsche Zeitungen druckten diese Briefe ab. Was danach ausbrach, nennen die Historiker bis heute das Texasfieber.

Man muss sich vor Augen halten, was solche Sätze in jenen Jahren bedeuteten. Deutschland war nicht frei. Ein Flickenteppich von Fürstentümern mit Zensur, Bürokratie und langer Wehrpflicht. Die Bevölkerung wuchs, die Höfe wurden bei jeder Erbteilung schmaler, bis sie eine Familie nicht mehr ernährten, und die beginnende Industrialisierung riss den alten Handwerken den Boden weg. Millionen Menschen blickten in ihre Zukunft und sahen eine Mauer.

Und dann stand in der Zeitung ein Satz von der anderen Seite des Ozeans

Hier kann jeder freie Mann Land besitzen.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wanderten fünfeinhalb Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten aus, zeitweise die größte Einwanderergruppe des Landes. Hunderttausende gingen nach Texas und besiedelten das Dreieck zwischen San Antonio, Austin und dem Hill Country, das man dort bis heute German Texas nennt.

Romantisieren sollte man das nicht. Der Preis war entsetzlich. 1842 gründeten deutsche Adelige den Adelsverein, den Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas, und die Umsetzung geriet zur Katastrophe. Familien verkauften alles, Haus, Hof, Werkzeug, die ganze Existenz, um die Überfahrt und das Versprechen vorbereiteter Siedlungen zu bezahlen. Sie nahmen Abschied von Eltern, die sie nie wiedersehen würden. Viele landeten in einem Golfhafen namens Indianola, und dort begann für einen großen Teil von ihnen der eigentliche Albtraum: zu wenige Wagen, zu wenig Nahrung, keine Organisation, Tausende an der Küste festsitzend, während Krankheit und Chaos durch die Lager gingen.

Diese Menschen hatten keinen Plan B. Kein Netz. Keinen Staat, der auffängt.

Und sie kamen trotzdem.

In dieses Desaster hinein trat einer der bemerkenswertesten Männer der texanischen Geschichte. Otfried Hans Freiherr von Meusebach, geboren 1812 in Dillenburg, Jurist, Richter, Bürgermeister, ein Mann aus jenen liberalen Kreisen, die von einem anderen Deutschland träumten. Bei seiner Ankunft erklärte er, er werde nie zurückkehren, legte seinen Adelstitel ab und nannte sich fortan John O. Meusebach. Kein Freiherr mehr. Ein Bürger.

Er führte die Siedler ins Hill Country und tat dort etwas, wofür es an der amerikanischen Siedlungsgrenze kaum ein zweites Beispiel gibt. Er ritt hinaus und schloss Frieden mit den Komantschen. Es ist bis heute einer der ganz wenigen Verträge zwischen europäischen Siedlern und einer indianischen Nation, den beide Seiten dauerhaft gehalten haben.

Unter dem Schutz dieses Friedens entstand eine Stadt. Sie heißt Fredericksburg.

Der Enkel eines deutschen Hoteliers von der dortigen Hauptstraße hieß Chester W. Nimitz und befehligte im Zweiten Weltkrieg die amerikanische Pazifikflotte. Seine Geschichte füllt heute das National Museum of the Pacific War mitten in Fredericksburg. Vom Auswanderer zum Admiral, der die freie Welt mitrettet, in drei Generationen.

Die ganze Geschichte habe ich auf meinem englischen Blog ausführlich aufgeschrieben: They Sold Everything for America.

Warum sie hierher gehört, ist schnell gesagt.

Ich bin 2008 gegangen und nicht 1848. Ich bin mit einem Laptop gekommen und nicht mit einem Segelschiff. Hinter mir standen eine Kanzlei und der Erlös eines Londoner Hausverkaufs und nicht der Erlös eines Hofes, den es danach nicht mehr gab. Mein Risiko war, verglichen mit ihrem, ein Spaziergang, und ich maße mir keinen Vergleich an.

Aber der Antrieb ist derselbe geblieben. Raum statt Enge. Möglichkeit statt Verwaltung. Und dieser eine, im Grunde ungeheuerliche Gedanke, dass ein freier Mensch mit Land unter den Füßen und ohne Herrn über sich alles bauen kann, was er zu bauen imstande ist.

Wenn ich heute deutsche Unternehmer nach Fredericksburg führe, und ich tue das regelmäßig auf unseren Reisen und Seminaren, dann sehe ich in den Gesichtern den Moment, in dem es klick macht. Sie stehen in einer amerikanischen Kleinstadt, in der die Biergärten deutsche Namen tragen, und verstehen, dass sie hier nicht in einer fremden Geschichte stehen, sondern in ihrer eigenen.

XII

Ein Anruf im Juli

Und dann rief Deutschland an.

Wieder so ein vollkommener Tag, Juli, kurz nach Mittag. Auf dem Display eine deutsche Nummer, die ich nicht kannte. Ich rechnete mit einem Mandanten.

Es war meine Tante Maria, die Schwester meines Vaters. Wir sprachen selten, und ich freute mich, ihre Stimme zu hören.

Sie ließ mich gar nicht erst ausreden. Mein Vater sei tot, sagte sie, ruhig und sachlich. Neunundfünfzig Jahre alt. Ein Aortenaneurysma im Bauchraum. Er war mit rasenden Rückenschmerzen ins Krankenhaus gekommen, die Ärzte hatten sofort operiert, und er hatte die Operation nicht überlebt.

Sie wünschte mir und meinen Geschwistern alles Gute. Dann legten wir auf.

Ich stand mit dem Telefon in der Hand auf einer Veranda in Texas und begriff gar nichts. Ein paar Tage vorher hatte ich noch mit ihm telefoniert.

Tränen kamen keine.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens waren schwer gewesen, für ihn und für alle, die ihn gernhatten. Was im Einzelnen passiert ist, gehört ihm und nicht auf diese Seite.

Wir hatten es nicht immer leicht miteinander gehabt, ein paar Jahre lang hatten wir gar nicht gesprochen. Aber als er starb, war zwischen uns alles in Ordnung. Er hatte kurz zuvor als Berater neu angefangen und steckte voller Pläne. Einen Monat davor war er bei mir in London gewesen, wir waren essen gegangen, hatten geredet und geredet, und zum ersten Mal seit langem sah es so aus, als ginge es bei ihm wieder bergauf.

Und dann das.

Dass ich zur Beerdigung nach Deutschland fliegen würde, stand in derselben Sekunde fest. Einer meiner Brüder hatte für dieselbe Woche seine Hochzeit angesetzt. Drei Tage nach einem Begräbnis eine Hochzeit feiern, das konnte sich keiner von uns vorstellen. Wir haben es trotzdem getan.

Die Beerdigung in Freiburg war alles andere als düster. Das Requiem hielten ein Priester des Opus Dei und ein Augustinerpater gemeinsam, beide enge Freunde meines Vaters. Die Kirche war voll: Freunde, frühere Geschäftspartner, Kollegen. Meine Brüder und ich haben ihn zu Grabe getragen, und danach saßen alle in einem Wirtshaus in der Nähe, bei viel Essen und noch mehr Wein.

Mein Vater hätte das geliebt.

Abgesprochen hatte das niemand, aber allen war klar, dass dies nicht der Moment war, über die schweren Jahre zu sprechen. Man erzählte sich die besten Geschichten über ihn, die rührenden wie die komischen, und davon gab es reichlich.

Ein paar Tage später war dann die Hochzeit. Beim Toast auf Papa sind einigen die Tränen gekommen. Aber darunter lag eine Freude, die sich schwer erklären lässt. Sie kommt aus der Gewissheit, dass das alles zutiefst menschlich ist und einfach dazugehört, und dass uns, weil wir es ohnehin nicht in der Hand haben, nur das Vertrauen bleibt.

Omnia ad bonum.

Von Deutschland aus habe ich jeden Tag zu Hause angerufen. In der Zwischenzeit waren der neue Ranchhelfer und seine Freundin auf der Ranch eingetroffen. Kurz darauf flog ich zurück nach Texas.

Ich ahnte nicht, dass die schönste Zeit meines Lebens in genau diesen Wochen zu Ende zu gehen begann.

XIII

Was bleibt

Die Ranch habe ich verloren.

Wie das kam, erzähle ich ein anderes Mal. Es ist eine eigene Geschichte, und sie braucht mehr Abstand, als ich heute habe. Aber es soll hier stehen, damit niemand das hier für eine Postkarte hält.

Was geblieben ist, wiegt mehr als das, was weg ist.

Ich weiß jetzt, wie sich das anfühlt. Ich weiß, wie es ist, um halb sechs mit einem Kaffee über eigenes Land zu gehen, während der Nebel noch in den Senken steht. Ich weiß, wie Kinder schlafen, die den ganzen Tag draußen waren. Ich weiß, wie in Texas eine Stunde vor Sonnenuntergang das Licht über eine ungemähte Weide fällt, und ich brauche dafür kein Foto.

Und ich weiß, was es heißt, sich für ein Leben zu entscheiden statt in eines hineinzurutschen. Das ist am Ende der Grund, warum ich diesen Beruf mache. Ich verkaufe keine Steuerersparnis. Ich helfe Menschen, eine solche Entscheidung so vorzubereiten, dass sie hält. Wie wir arbeiten und was das kostet, steht offen unter Kanzlei.

Und südöstlich von Austin, am Ende einer Schotterstraße, steht eine sehr alte Eiche, unter der ich einmal liegen wollte.

Diesen Plan habe ich nicht aufgegeben.

Der Autor
Sebastian Sauerborn

Gründer der Kanzlei Mount Bonnell in Austin, Texas. Er begleitet deutschsprachige Unternehmer und Familien beim Schritt in die Vereinigten Staaten.

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