Die Green-Card-Lotterie lässt dich warten, und beim nächsten Mal brauchst du einen Pass, bevor du überhaupt mitspielen darfst
Anfang Oktober öffnet sonst das Fenster für die Green-Card-Lotterie. Dieses Jahr nicht. Und im Hintergrund liegt ein Verordnungsentwurf, der die Teilnahme grundlegend verändern würde.
Es ist die billigste Eintrittskarte der Welt in ein anderes Leben. Kein Anwalt, kein Investment, kein Arbeitgeber, kein Nachweis über irgendetwas außer einem Schulabschluss. Ein Formular, ein Foto, ein Klick. Und dann ein Jahr Warten auf eine Zahl, die dir sagt, ob du gemeint bist.
461 Mal im Jahr sucht jemand aus dem deutschsprachigen Raum bei uns nach der Greencard-Lotterie. Das sind Menschen, die keinen Businessplan haben und keine Million. Die einfach nur wissen wollen, ob es einen Weg gibt, der nicht durch ein Konto führt. Es gibt ihn. Und in diesem Oktober fühlt er sich zum ersten Mal seit Jahren unsicher an.
Das Fenster, das nicht aufgeht
Normalerweise ist der Ablauf so verlässlich wie ein Kalenderblatt. Anfang Oktober öffnet das State Department die elektronische Anmeldung für das übernächste Haushaltsjahr, sie bleibt etwa einen Monat offen, im Mai darauf sagt dir der Entrant Status Check, ob du gezogen wurdest.
Dieses Jahr steht das Fenster still. Der Anmeldezeitraum für DV-2027 hat nicht wie gewohnt begonnen, und aus dem Außenministerium kommt bisher nur die Zusage, die Termine würden rechtzeitig bekannt gegeben. Für ein Programm, dessen ganze Mechanik auf einem festen Datum beruht, ist das eine bemerkenswerte Ansage.
Wer jetzt in einschlägigen Foren liest, dass die Anmeldung längst laufe, sollte vorsichtig sein. Rund um dieses Programm existiert ein ganzes Gewerbe, das von Verwirrung lebt. Dazu gleich mehr.
Was das Außenministerium wirklich vorhat
Im Hintergrund liegt ein Verordnungsentwurf, der am 5. August 2025 im amerikanischen Bundesanzeiger veröffentlicht wurde. Die Kommentarfrist ist am 19. September 2025 abgelaufen. Der Entwurf ist noch kein geltendes Recht, aber er sagt sehr deutlich, wohin die Reise geht.
Kern des Vorschlags: Wer sich an der Lotterie beteiligen will, soll künftig einen gültigen, nicht abgelaufenen Reisepass angeben und einen Scan der Datenseite mit Lichtbild und Unterschrift hochladen. Bisher genügte es, ein Formular auszufüllen. Künftig soll am Anfang ein echtes Dokument stehen.
Die Begründung ist unangenehm konkret. Das Ministerium beschreibt einen Markt von Vermittlern, die Teilnehmer anmelden, die Bestätigungsnummer zurückhalten und sie den Gewinnern dann verkaufen. In dem Papier stehen Beträge, bei denen einem der Atem stockt: bis zu 15.000 Dollar, damit ein Gezogener die Nummer erhält, die ihm gehört. Für vorbereitete Unterlagen werden Gebühren von 5.000 bis 30.000 Dollar genannt.
Genau deshalb der Pass. Wer eine Passnummer und einen Scan hinterlegen muss, kann nicht mehr fremde Menschen im Dutzend anmelden und die Zugänge horten.
Was das für dich in Deutschland, Österreich und der Schweiz bedeutet
Ehrlich gesagt: wenig Schlimmes. Wer aus dem deutschsprachigen Raum teilnimmt, hat in aller Regel einen gültigen Pass in der Schublade. Die neue Hürde trifft nicht dich, sie trifft die Vermittler.
Aber sie ändert etwas an deiner Vorbereitung. Bisher konntest du die Anmeldung an einem Sonntagabend in zehn Minuten hinter dich bringen. Künftig gehört ein gültiger Pass dazu, und zwar am Tag der Anmeldung, nicht irgendwann später. Wer seinen Pass gerade zur Verlängerung eingereicht hat, wenn das Fenster aufgeht, schaut in die Röhre.
Und noch etwas: Das Entwurfspapier stellt klar, dass zum Zeitpunkt der Anmeldung keine Gebühr erhoben wird. Eine Bearbeitungsgebühr kann zu einem späteren Zeitpunkt anfallen. Wer dir also heute erzählt, die Teilnahme koste etwas, verkauft dir seinen eigenen Service, nicht eine amtliche Gebühr.
Die vier Regeln, die diese Lotterie seit Jahrzehnten hat
Die Anmeldung ist kostenlos und läuft ausschließlich über die offizielle Seite des State Department. Jede Seite, die Geld für die Anmeldung selbst nimmt, ist ein Vermittler. Manche arbeiten sauber, viele nicht.
Eine Anmeldung pro Person und Jahr. Zwei Einträge disqualifizieren dich, nicht einen der beiden, sondern dich. Verheiratete dürfen sich gegenseitig eintragen und verdoppeln damit die Chance, ohne die Regel zu brechen.
Bewahre deine Bestätigungsnummer auf. Sie ist der einzige Weg, das Ergebnis abzurufen. Es gibt keinen Ersatz, keine Benachrichtigung, keine Mail vom Amt. Wer die Nummer verliert, hat das Jahr verloren.
Es gibt keine Gewinnbenachrichtigung per E-Mail. Jede Mail, die dir mitteilt, du habest gewonnen, und die eine Zahlung verlangt, ist Betrug. Ohne Ausnahme.
Was passiert, wenn du gezogen wirst
Die wenigsten wissen, dass die Ziehung erst der Anfang ist, und dass zwischen dem Jubel im Mai und einem Visum ein Verfahren liegt, an dem jedes Jahr Menschen scheitern.
Gezogen zu werden heißt nicht, ein Visum zu haben. Es heißt, in eine Warteschlange einsortiert zu werden. Das Programm zieht deutlich mehr Namen, als es Visa gibt, weil erfahrungsgemäß ein Teil der Gezogenen die Sache nie zu Ende bringt. Deine Fallnummer entscheidet, wann du an die Reihe kommst. Wer eine hohe Nummer hat, kann leer ausgehen, obwohl er gezogen wurde, schlicht weil das Haushaltsjahr endet, bevor seine Nummer aufgerufen wird.
Danach beginnt das, was jedes Einwanderungsverfahren ausmacht: Formulare, Geburtsurkunden, polizeiliche Führungszeugnisse aus jedem Land, in dem du seit deinem sechzehnten Lebensjahr länger gelebt hast, eine ärztliche Untersuchung bei einem zugelassenen Arzt, ein Gespräch im Konsulat. Und der Nachweis, dass du dem amerikanischen Staat nicht zur Last fallen wirst.
Dieser letzte Punkt hat es in sich, und er wird im Lauf dieses Jahres noch wichtiger werden. Die Frage, wer dem Land zur Last fällt, wird gerade neu justiert.
Wie gut deine Chancen wirklich stehen
Reden wir kurz über Zahlen, weil sie sonst niemand nennt. Das Programm vergibt bis zu 55.000 Visa im Jahr, verteilt über sechs geografische Regionen, mit einer Obergrenze pro Land. Millionen bewerben sich. Für Deutschland liegt die Wahrscheinlichkeit, gezogen zu werden, damit im niedrigen einstelligen Prozentbereich, in manchen Jahren darunter.
Das klingt entmutigend, ist es aber nur, wenn man die Lotterie als Plan versteht. Als Beiwerk ist sie großartig: Ein einziger Abend im Jahr, zehn Minuten, keine Kosten. Wer über zehn Jahre teilnimmt, hat zehn Lose. Wer nie teilnimmt, hat keines.
Was du in diesen zehn Jahren aber nicht tun solltest, ist warten. Ich habe Menschen erlebt, die ihr Leben in Deutschland zehn Jahre lang in einem Zustand des Vorläufigen gehalten haben, weil im nächsten Mai vielleicht die Nachricht kommt. Das ist die teuerste Art, ein Los zu kaufen.
Und wenn du nicht gezogen wirst
Dann bist du in guter Gesellschaft, und dann fängt die eigentliche Frage an. Die Lotterie ist der einzige Weg nach Amerika, der nichts von dir verlangt außer Glück. Alle anderen Wege verlangen etwas von dir, und genau deshalb kannst du sie planen.
Für Unternehmer aus Vertragsstaaten, und Deutschland, Österreich und die Schweiz gehören dazu, ist das E-2 Investorenvisum in der Praxis der häufigste Weg. Wer eine Firma in Europa hat und eine Tochter in den Staaten aufbaut, kommt über das L-1 hinüber. Wer in seinem Feld nachweisbar herausragt, sollte sich das O-1 und die EB-1A Greencard ansehen, die anders als die Lotterie keine Ziehung kennt, sondern eine Akte.
Und wenn dich das Thema Lotterie grundsätzlich interessiert, haben wir es in Die US Greencard Lotterie ausführlich aufgeschrieben, mit den Voraussetzungen, den Länderquoten und dem Ablauf nach der Ziehung. Den Gesamtüberblick über alle Wege findest du in der Säule US-Visum und Greencard.
Der Unterschied zwischen einem Los und einem Plan
Ein Plan hat drei Eigenschaften, die ein Los nie haben wird. Er hat einen Zeitrahmen, den du beeinflusst. Er hat Voraussetzungen, an denen du arbeiten kannst. Und er hat ein Ergebnis, das nicht von einer Ziehung abhängt.
Für einen deutschen Handwerksmeister, der drüben eine Werkstatt aufmachen will, ist das E-2 ein Plan. Für eine Softwareentwicklerin mit Patenten und Vorträgen ist das O-1 ein Plan. Für den Mittelständler mit einer bestehenden GmbH ist die amerikanische Tochtergesellschaft mit anschließender Entsendung ein Plan.
Alle drei haben etwas gemeinsam, das der Lotterie fehlt: Am Anfang steht eine Entscheidung von dir, nicht eine Entscheidung über dich.
Und alle drei haben etwas, das die Lotterie ebenfalls nicht hat: eine Rechnung. Anwaltskosten, Kapital, Zeit. Wer beides gegeneinander abwägt, sollte ehrlich sein. Die Lotterie ist umsonst, weil sie fast nie funktioniert. Der Plan kostet, weil er funktioniert.
Was das Ganze steuerlich bedeutet, und warum niemand darüber spricht
Hier kommt der Teil, den die Lotterie-Foren komplett auslassen. Eine Greencard ist kein Reisedokument. Sie macht dich zum steuerlich Ansässigen der Vereinigten Staaten, und amerikanische Steuerpflicht bedeutet Welteinkommen.
Deine deutsche Wohnung, die du vermietest. Dein österreichisches Wertpapierdepot. Dein Schweizer Vorsorgekonto. Deine GmbH-Beteiligung. Alles davon wird ab dem Tag, an dem du mit der Greencard einreist, für den IRS relevant. Und zwar unabhängig davon, ob du je einen Dollar in die Vereinigten Staaten überweist.
Das ist kein Grund, es nicht zu tun. Millionen Menschen leben gut damit. Es ist ein Grund, das Jahr vor der Einreise zu nutzen, statt es zu verschlafen. Wer sein Depot, seine Beteiligungen und seine Immobilien vorher sortiert, spart später ein Vielfaches. Wer erst nach der Einreise anfängt zu fragen, hat die günstigen Gestaltungen bereits verpasst. Der Einstieg dazu steht in unserer Steuerplanung für Unternehmer und in den Grundlagen zum US-Steuerrecht. Was der Wegzug auf deutscher Seite auslöst, von der Wegzugsteuer bis zur Ansässigkeit, sortiert unsere Schwesterseite Wohnsitz Ausland.
Warum dieses Programm überhaupt existiert
Es ist der letzte Rest einer Idee, die heute fast fremd wirkt: dass Einwanderung nicht nur denen offenstehen soll, die Geld oder einen Arbeitgeber mitbringen. Das Programm verteilt jedes Jahr bis zu 55.000 Visa an Menschen aus Ländern, aus denen zuletzt wenig Einwanderung kam. Kein Sponsor, kein Kapital, kein Nachweis besonderer Fähigkeiten. Nur eine Ziehung.
Genau deshalb steht es seit Jahren unter Beschuss, aus beiden politischen Richtungen und mit sehr unterschiedlichen Begründungen. Der Entwurf vom August ist kein Angriff auf das Programm, er ist eine Reparatur. Aber wer die Richtung der letzten Monate verfolgt, weiß, dass Reparaturen selten allein kommen.
Mein Rat, ganz unjuristisch: Melde dich an, wenn das Fenster aufgeht. Es kostet dich nichts außer zehn Minuten. Aber baue deinen Plan nicht darauf. Ein Leben verlegt man nicht auf ein Los.
Wenn du wissen willst, welcher Weg zu deiner Situation passt, sprich mit der Kanzlei Mount Bonnell in Austin, Texas. Auf Deutsch, mit klarer Ansage, auch wenn die Ansage lautet, dass es dieses Jahr nichts wird.
Beratung & Umsetzung
Wenn du prüfen möchtest, was das für deine persönliche Situation bedeutet, vereinbare am besten ein Beratungsgespräch.