Ein ganzer Monat fehlt: Amerika weiß nicht mehr, was der Oktober gekostet hat
Im Verbraucherpreisindex der amerikanischen Statistikbehörde steht für Oktober 2025 kein Wert. Nicht für die Gesamtrate, nicht für Lebensmittel, nicht für Wohnen. Ein Monat, den niemand mehr messen kann.
Wenn du wissen willst, was in Amerika ein Einkauf kostet, gibt es dafür eine Zahl. Sie heißt Verbraucherpreisindex, sie erscheint jeden Monat, und sie ist eine der zuverlässigsten Institutionen dieses Landes. Hunderte Erheber gehen in Läden, notieren Preise, fragen Vermieter nach Mieten. Seit Jahrzehnten, Monat für Monat.
Für Oktober 2025 gibt es diese Zahl nicht. Nicht verspätet. Nicht vorläufig. Sie existiert nicht.
Wer die Reihen der Statistikbehörde abruft, findet für Oktober 2025 einen leeren Platz, dort, wo sonst ein Wert steht. Für die Gesamtrate, für Lebensmittel für den Verbrauch zu Hause, für die Wohnkosten. Was in den fünf Wochen des Verwaltungsstillstands nicht erhoben wurde, ist unwiederbringlich weg, weil man Preise vom Oktober im Dezember nicht nachmessen kann.
Was noch da ist und was fehlt
Interessant ist, was überlebt hat. Für Benzin und für Neuwagen gibt es Oktoberwerte. Das sind Positionen, deren Preise sich aus laufenden Datenquellen ableiten lassen, ohne dass jemand mit einem Klemmbrett durch ein Geschäft geht.
Alles, was Feldarbeit braucht, fehlt. Und Feldarbeit ist der Kern dieses Index. Der größte Einzelposten im amerikanischen Warenkorb sind die Wohnkosten, und die werden durch Befragung erhoben. Der zweitgrößte Block, an dem jeder Haushalt es täglich merkt, sind Lebensmittel, und die werden im Laden abgelesen.
Wir haben also für den Oktober Zahlen zu Benzin und Autos, und keine zu Miete und Essen. Für ein Land, in dem 670 Menschen im Monat allein bei uns nach Lebensmittelpreisen suchen, ist das ein bemerkenswerter Zustand.
Warum eine fehlende Zahl mehr ist als eine fehlende Zahl
Der Verbraucherpreisindex ist in den Vereinigten Staaten nicht nur Statistik. Er ist ein Schalter, an dem sehr viel Geld hängt.
Er passt Sozialleistungen an. Die jährliche Erhöhung der staatlichen Renten wird an einer Variante dieses Index berechnet. Millionen Menschen bekommen mehr oder weniger Geld, je nachdem, wie er ausfällt.
Er steuert das Steuerrecht. Steuerstufen, Standardabzug, zahlreiche Freibeträge werden jährlich an die Inflation angepasst. Auch hier ist der Index die Grundlage.
Er steht in Verträgen. Gewerbemietverträge, langfristige Lieferverträge und Tarifvereinbarungen enthalten in Amerika sehr häufig Klauseln, die eine Anpassung an den Verbraucherpreisindex vorsehen. Fehlt der Wert für einen Monat, muss der Vertrag sagen, was dann gilt. Die meisten Verträge sagen dazu nichts.
Und er ist die Grundlage der Geldpolitik. Die Notenbank entscheidet über Zinsen anhand von Daten. Ein Loch in der Datenreihe heißt: Sie entscheidet über die Zinsen deines Immobilienkredits mit einem Monat weniger Wissen.
Was das für dich bedeutet, wenn du nach Amerika ziehst
Ganz praktisch zunächst wenig. Dein Einkauf kostet, was er kostet, ob jemand ihn misst oder nicht. Mittelbar aber ist es ein guter Anlass, sich eine Frage ehrlich zu stellen, die viele Auswanderer zu spät stellen: Was kostet dieses Leben eigentlich?
Und da gibt es eine Antwort, die den meisten Deutschen nicht gefällt. Die Vereinigten Staaten sind nicht pauschal billiger als Deutschland und nicht pauschal teurer. Sie sind anders teuer, und die Unterschiede sind so groß, dass jeder Vergleich ohne Ort und Lebensstil wertlos ist.
Billiger als in Deutschland sind in aller Regel: Benzin, Autos, Elektronik, Fleisch, Restaurantpreise gemessen an der Portionsgröße, große Wohnflächen außerhalb der Metropolen, und viele Dienstleistungen des täglichen Bedarfs.
Teurer, oft dramatisch teurer, sind: Krankenversicherung, Kinderbetreuung, private Schulbildung, Hochschulbildung, Mieten in den großen Küstenstädten, Handwerkerleistungen und alles, was mit Gesundheit zu tun hat.
Der Unterschied ist also weniger einer der Höhe als einer der Struktur. In Deutschland zahlst du viel über Abgaben und bekommst dafür Leistungen. In Amerika zahlst du weniger Abgaben und kaufst dieselben Leistungen einzeln ein, zu Marktpreisen. Wer das nicht durchrechnet, sondern nur auf den Steuersatz schaut, verrechnet sich systematisch.
Die Rechnung, die man vor dem Umzug machen sollte
Nimm ein Blatt und schreibe für deinen Zielort vier Zahlen auf.
Miete oder Hypothek plus Grundsteuer. Die Grundsteuer ist der Posten, den Europäer regelmäßig vergessen, und sie kann in Texas oder New Jersey mehrere hundert Dollar im Monat ausmachen.
Krankenversicherung für die ganze Familie. Nicht die Grundprämie, sondern die realistische Jahresbelastung inklusive Selbstbehalt. Wer hier mit europäischen Erwartungen rechnet, verrechnet sich um den Faktor drei.
Kinderbetreuung oder Schule. Öffentliche Schulen sind kostenlos und ihre Qualität hängt am Schulbezirk, also am Wohnort, also an der Miete. Diese drei Größen sind in Amerika nicht trennbar.
Mobilität. Zwei Autos sind außerhalb weniger Städte keine Wahl, sondern eine Voraussetzung. Dafür ist Benzin billig.
Wir haben diesen Vergleich einmal ausführlich gerechnet, in Lebenshaltungskosten: Preisvergleich Deutschland und USA und im größeren Preisvergleich Deutschland, Großbritannien, USA. Wer die Gesundheitsseite gesondert verstehen will, findet sie in Krankenversicherung und Gesundheitswesen.
Warum das Loch im Oktober auch etwas Gutes zeigt
Es klingt paradox, aber die Aufregung über eine fehlende Monatszahl ist ein Kompliment an dieses Land. Man merkt eine fehlende Statistik nur dann, wenn man sich normalerweise auf sie verlassen kann.
Die amerikanische Statistikbehörde gehört zu den wenigen Institutionen, deren Zahlen politisch weitgehend unangefochten sind. Sie erhebt, sie veröffentlicht, sie revidiert transparent. Und sie hat in diesem Fall das getan, was man von einer seriösen Behörde erwartet: Sie hat den fehlenden Monat nicht geschätzt, nicht interpoliert, nicht mit einem Platzhalter gefüllt. Sie hat ihn leer gelassen.
Das ist die richtige Entscheidung, und sie ist unbequemer als jede Schätzung. Ein leeres Feld sagt der Wahrheit entsprechend: Wir wissen es nicht.
Die zweite Zahl, die dabei ausfällt
Der Verbraucherpreisindex ist nicht die einzige Reihe, die unter dem Stillstand gelitten hat. Auch die Arbeitsmarktzahlen, die sonst am ersten Freitag jedes Monats erscheinen und die weltweit Märkte bewegen, sind betroffen.
Für einen Auswanderer ist das mehr als eine Randnotiz, weil die Arbeitsmarktzahlen die einzige verlässliche Auskunft darüber sind, wie leicht man in einer Branche und einer Region tatsächlich Personal findet. Wer im nächsten Frühjahr in Amerika einstellen will, plant gerade mit einem unvollständigen Bild.
Es gibt einen praktischen Ausweg, und er ist typisch amerikanisch: Man fragt die Privatwirtschaft. Lohnabrechnungsdienstleister, Jobportale und Personalvermittler veröffentlichen eigene Zahlen, die nicht amtlich sind, aber vorhanden. In einem Land, in dem der Staat ausfallen kann, hat sich für fast jede staatliche Datenquelle ein privater Ersatz gebildet.
Was Deutsche beim Preisvergleich systematisch falsch machen
Drei Fehler sehen wir immer wieder, und alle drei kosten Geld.
Der Bruttopreis-Fehler. In Amerika steht am Regal der Nettopreis. Die Sales Tax kommt an der Kasse dazu, je nach Bundesstaat und Gemeinde zwischen null und über zehn Prozent. Wer aus Deutschland kommt und Preise im Kopf vergleicht, vergleicht systematisch falsch, weil er den deutschen Bruttopreis gegen einen amerikanischen Nettopreis hält.
Der Trinkgeld-Fehler. Was in Deutschland eine Geste ist, ist hier ein Teil des Lohns. Zwischen 18 und 22 Prozent im Restaurant sind der Normalfall, nicht die Ausnahme. Wer das nicht einrechnet, unterschätzt seine Ausgaben für Essen außer Haus um ein Fünftel.
Der Nettolohn-Fehler. Das amerikanische Bruttogehalt sieht spektakulär aus. Davon gehen Bundessteuer, in vielen Bundesstaaten Landessteuer, Sozialabgaben und, das ist der große Posten, der Arbeitnehmeranteil an der Krankenversicherung ab. Wer ein deutsches Nettogehalt gegen ein amerikanisches Brutto hält, verrechnet sich fundamental.
Rechne deshalb immer in verfügbarem Einkommen nach Steuern, nach Versicherung und nach Wohnkosten. Das ist die einzige Zahl, die etwas aussagt, und sie fällt für dieselbe Person in Austin, Miami und San Francisco völlig unterschiedlich aus.
Was daraus für deine Verträge folgt
Wenn du in den Vereinigten Staaten einen langfristigen Vertrag mit Indexklausel abschließt, also einen Gewerbemietvertrag, einen Liefervertrag über mehrere Jahre oder eine Vergütungsvereinbarung mit Anpassung, dann gehört ab sofort ein Satz hinein: Was gilt, wenn der maßgebliche Index für einen Zeitraum nicht veröffentlicht wird?
Die üblichen Lösungen sind einfach. Man nimmt den zuletzt veröffentlichten Wert, man nimmt einen Ersatzindex, oder man nimmt den Durchschnitt der umliegenden Monate. Wichtig ist nicht, welche Variante ihr wählt, sondern dass ihr eine wählt.
Es ist ein Satz. Er kostet beim Aufsetzen nichts. Er verhindert eine Auseinandersetzung, die in diesem Jahr in Amerika tausendfach geführt werden wird.
Und wer ohnehin gerade eine Gesellschaft aufbaut, sollte den Gedanken gleich mitnehmen: Auch die Verträge deiner amerikanischen Firma, mit Vermietern, Lieferanten und Mitarbeitern, sind Verträge in einem Land, dessen Statistik ausfallen kann. Das ist kein Grund zur Sorge, aber ein Grund, beim Aufsetzen zwei Minuten länger nachzudenken.
Wenn du einen Vertrag dieser Art vor dir hast oder deine Lebenshaltung für einen konkreten Ort durchrechnen willst, sprich mit der Kanzlei Mount Bonnell in Austin, Texas. Und wer die grundsätzliche Frage stellt, ob Amerika für sein Budget der richtige Ort ist oder ein anderes Land besser passt, findet den Vergleich bei Perspektive Ausland.
Ein letzter Gedanke zur Verlässlichkeit von Zahlen
Wer auswandert, trifft eine Entscheidung unter Unsicherheit. Man kennt weder die Wechselkurse der nächsten zehn Jahre noch die Mietentwicklung im Zielort noch die eigene Gesundheit. Zahlen helfen dabei, diese Unsicherheit zu ordnen, aber sie beseitigen sie nicht.
Der fehlende Oktober ist insofern ein nützlicher Anlass, die eigene Planung zu prüfen. Wenn dein Umzug daran hängt, dass die Inflation in einem bestimmten Korridor bleibt, dass der Dollar bei einem bestimmten Kurs steht oder dass eine Miete nicht steigt, dann ist es kein Plan, sondern eine Wette.
Ein belastbarer Plan sieht anders aus. Er verträgt einen um zwanzig Prozent teureren Alltag, einen um zehn Prozent schlechteren Wechselkurs und ein Jahr ohne das Einkommen, mit dem du gerechnet hast. Wer so rechnet, wird selten enttäuscht, und er schläft in Wochen wie dieser besser.
Beratung & Umsetzung
Wenn du prüfen möchtest, was das für deine persönliche Situation bedeutet, vereinbare am besten ein Beratungsgespräch.