In Baden verloren sie ihre Revolution. In Amerika gewannen sie einen Bürgerkrieg, einen Senatssitz und ein Ministerium.
Die Forty-Eighters: wie Revolutionäre von 1848 in Amerika Senatoren, Generäle und Zeitungsmacher wurden, von Carl Schurz bis zu den Lateinern in Texas
Teil des Leitfadens Die Deutschen & Amerika
Im Sommer 1849 war die deutsche Revolution vorbei. Die Festung Rastatt hatte kapituliert, die Nationalversammlung war auseinandergegangen, und wer auf den Barrikaden gestanden hatte, musste fliehen. Rund 4.000 dieser Achtundvierziger gingen in die Vereinigten Staaten. Gemessen an den fast eine Million Deutschen, die in diesem Jahrzehnt kamen, waren sie ein Tropfen. Gemessen an ihrer Wirkung waren sie eine Flut.
Forty-Eighters, auf Deutsch Achtundvierziger, nennt man die Anhänger der Revolutionen von 1848 und 1849. In Deutschland kämpften sie für die Einheit, für eine Verfassung und für garantierte Grundrechte. Sie verloren. In Amerika fanden sie ein Land, das ihre Ideen schon in der Verfassung stehen hatte, und eine Frage, an der sich alles entschied: die Sklaverei. Dieser Leitfaden erzählt, wie aus Flüchtlingen Senatoren, Generäle, Zeitungsmacher und Schulgründer wurden, mit Carl Schurz als Hauptfigur und einem langen Blick nach Texas, wo die Achtundvierziger mitten im Hill Country siedelten.
11848: eine Revolution, die in Baden scheiterte
Im März 1848 trat in Frankfurt das Vorparlament zusammen, im Mai die Nationalversammlung, die bis Juni 1849 tagte. Ihr erster Präsident war Fürst Carl zu Leiningen, ein Halbbruder der britischen Königin Victoria. Und hier beginnt bereits die erste amerikanische Pointe: Leiningen förderte auch den Adelsverein, der New Braunfels und Fredericksburg in Texas gründete. Wie diese Siedlungen entstanden, erzählt der Leitfaden Fredericksburg, Texas.
Im deutschen Südwesten ging es radikaler zu. Der badische Abgeordnete Friedrich Hecker bekannte sich im März 1848 auf Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg und Heidelberg erstmals öffentlich zur Republik. Im Vorparlament gehörte er zu der Minderheit, die die Monarchien abschaffen wollte, und als die Mehrheit die Verfassung mit den Fürsten aushandeln wollte, zog er mit den Radikalen aus. Das Volk dankte es ihm mit dem Heckerlied und dem Heckerhut, der zum Erkennungszeichen der Revolutionäre wurde. 1849 folgte der Maiaufstand in der Pfalz und in Baden. Am 21. Juli 1849 kapitulierte die Festung Rastatt, und für viele, die gekämpft hatten, gab es nur noch einen Weg: hinaus.
1.1Was die Achtundvierziger wollten
In Deutschland stritten sie für Einheit, Verfassung und Menschenrechte. In Amerika, schreibt das Handbook of Texas, führten sie den Kampf gegen den Nativismus an, die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Einwanderern, und lehnten die Sklaverei fast ohne Ausnahme ab. Manche verlangten die sofortige Befreiung, notfalls um den Preis eines Krieges, andere wollten einen schrittweisen Übergang mit Entschädigung für die Sklavenhalter. Später setzten sie sich für bessere Arbeitsgesetze ein.
2Ein Tropfen mit großer Wirkung
Wie viele Achtundvierziger kamen, lässt sich nur schätzen. Das Handbook of Texas nennt rund 4.000, die in die Vereinigten Staaten gingen, während Tausende in Europa blieben. Mindestens 100 von ihnen zogen nach Texas. Zum Vergleich: In den 1850er Jahren kamen 976.072 Einwanderer aus Deutschland in die USA, das stärkste Jahrzehnt vor den 1880er Jahren. Die Forty-Eighters waren also eine kleine Minderheit innerhalb einer gewaltigen Wanderung.
Ihre Wirkung erklärt sich aus dem, was sie mitbrachten. Unter ihnen waren viele, die reden, schreiben und organisieren konnten: Studenten wie Schurz, Juristen wie Hecker, Lehrer wie Douai, Zeitungsmacherinnen wie Anneke. Sie trafen auf Hunderttausende Landsleute, die gerade erst angekommen waren. Der Rest ist Pressegeschichte, Vereinsgeschichte und am Ende Weltgeschichte. Warum die große Masse der Deutschen auswanderte, erzählt der Leitfaden Emigration nach Übersee.
| Jahrzehnt | Einwanderer aus Deutschland |
|---|---|
| 1830–1839 | 124.726 |
| 1840–1849 | 385.434 |
| 1850–1859 | 976.072 |
| 1860–1869 | 723.734 |
| 1870–1879 | 751.769 |
| 1880–1889 | 1.445.181 |
Quelle: U.S. Department of Homeland Security, Office of Homeland Security Statistics, Yearbook of Immigration Statistics 2022, Table 2. Bis 1867 Ankünfte ausländischer Passagiere in Seehäfen, vor 1906 nach Herkunftsland. Zahl der Forty-Eighters (rund 4.000): Texas State Historical Association, Handbook of Texas, Eintrag Forty-Eighters.
3Carl Schurz: vom Fluchthelfer zum Innenminister
Carl Schurz wurde am 2. März 1829 in Liblar bei Köln geboren. Er besuchte das Marzellengymnasium in Köln und studierte ab 1847 in Bonn Philologie und Geschichte. 1848 schloss er sich der demokratischen Bewegung an, gründete mit Gleichgesinnten einen demokratischen Club und gab dessen Blatt mit heraus, die Bonner Zeitung. 1849 kämpfte er im Pfälzisch-Badischen Aufstand und floh nach der Kapitulation von Rastatt in die Schweiz.
Dann tat er etwas, das wie ein Abenteuerroman klingt. Im Herbst 1850 reiste er heimlich nach Berlin und befreite seinen Lehrer und Freund Gottfried Kinkel aus der Festungshaft in Spandau. Über Frankreich ging er nach Großbritannien, heiratete 1852 in London Margarethe Meyer aus Hamburg und wanderte noch im selben Jahr in die USA aus. Ein Flitterwochenziel mit Ansage.
3.1Farmer, Redner, Lincolns Mann
Das Paar lebte zuerst in Philadelphia und ab 1855 in Watertown, Wisconsin, wo Schurz als Farmer anfing. Dort gründete Margarethe Schurz 1856 in ihrem Haus den ersten Kindergarten der Vereinigten Staaten, nach dem Vorbild Friedrich Fröbels, der 1837 in Deutschland den ersten Kindergarten gegründet hatte. Schurz saß im Stadtrat, arbeitete als Landagent und Notar und ab 1858 als Anwalt in Milwaukee. Schon 1856 trat er der zwei Jahre zuvor gegründeten Republikanischen Partei bei.
Seine eigentliche Stärke war die Rede. Er gewann viele eingewanderte Landsleute im Mittleren Westen für die neue Partei und trug so 1860 zum Wahlsieg Abraham Lincolns bei. Lincoln ernannte ihn 1861 zum Gesandten in Madrid. Ein Jahr später kehrte Schurz zurück, um im Bürgerkrieg zu kämpfen. Als Brigadegeneral führte er eine Division in den Korps von John C. Frémont und Franz Sigel, kämpfte an Bull Run, bei Chancellorsville und Gettysburg und wurde 1863 Generalmajor. Nach Chancellorsville gaben Zeitungen im Norden ausgerechnet den Deutschen des XI. Korps die Schuld an der Niederlage, ein Vorurteil, das sich trotz ihrer Verteidigung des Cemetery Hill bei Gettysburg lange hielt.
3.2Senator und Minister
Nach dem Krieg bereiste Schurz im Auftrag von Präsident Andrew Johnson den Süden und forderte das Wahlrecht für die befreiten Sklaven als Bedingung für die Wiederaufnahme der Südstaaten. Ab 1867 war er Miteigentümer der deutschsprachigen Westlichen Post in St. Louis. 1868 wählte Missouri ihn in den Senat, als ersten Deutschamerikaner überhaupt. 1872 gründete er aus Protest gegen die Korruption in der eigenen Partei die Liberal Republican Party mit. 1877 machte ihn Präsident Rutherford B. Hayes zum Innenminister. Schurz begann, den öffentlichen Dienst zu einer Verwaltung umzubauen, in der Können zählt und nicht das Parteibuch, und reformierte die Arbeit des Bureau of Indian Affairs.
Nach 1881 schrieb er für die New York Evening Post, für Harper's Weekly und The Nation, verfasste Biografien von Henry Clay und Abraham Lincoln und leitete von 1888 bis 1892 die Generalvertretung der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellschaft in New York. Von 1892 bis 1901 war er Präsident der National Civil Service Reform League. Er starb am 14. Mai 1906 in New York. Die Neue Deutsche Biographie nennt ihn den herausragenden Repräsentanten und das Sprachrohr der Deutschamerikaner über Jahrzehnte. Wie die Westliche Post und die anderen deutschen Blätter aufstiegen und verschwanden, erzählt der Leitfaden Deutsche Zeitungen, Kirchen, Schulen und Vereine in Amerika.
| Jahr | Station |
|---|---|
| 1829 | geboren am 2. März in Liblar bei Köln |
| 1849 | Flucht nach der Kapitulation von Rastatt am 21. Juli in die Schweiz |
| 1850 | befreit im Herbst Gottfried Kinkel aus der Festungshaft in Spandau |
| 1852 | Heirat in London, Auswanderung in die USA, zuerst nach Philadelphia |
| 1855 | Farmer in Watertown, Wisconsin; 1856 gründet seine Frau dort einen Kindergarten |
| 1861 | Gesandter in Madrid, ernannt von Abraham Lincoln |
| 1862–1865 | General der Union; 1863 Generalmajor |
| 1867 | Miteigentümer der deutschsprachigen Westlichen Post in St. Louis |
| 1868 | gewählt zum Senator für Missouri, als erster Deutschamerikaner im US-Senat |
| 1877–1881 | Innenminister unter Präsident Rutherford B. Hayes |
| 1892–1901 | Präsident der National Civil Service Reform League |
| 1906 | gestorben am 14. Mai in New York |
Quelle: Neue Deutsche Biographie, Artikel Schurz, Carl (Hartmut Keil, 2007); American Battlefield Trust, Biografie Carl Schurz (Senat 1868, Generalsränge).
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4Hecker, Anneke und die anderen Wege
Nicht jeder Achtundvierziger wurde Minister. Friedrich Hecker wanderte schon im September 1848 aus. Als die badische Revolution ihn im Mai 1849 zurückrief, kam er nur bis Straßburg; die Revolution war niedergeschlagen, bevor er ankam. Er kehrte nach Amerika zurück, kaufte eine Farm in Illinois, nahm rege am Leben der Deutschen in Amerika teil und kämpfte im Bürgerkrieg auf der Seite der Union. 1873 reiste er noch einmal durch das neue Kaiserreich und kam enttäuscht zurück. Der Mann mit dem berühmten Hut blieb, was er 1848 gewesen war, nur eben in Illinois.
Mathilde Franziska Anneke hatte 1848 in Köln die Neue Kölnische Zeitung und eine Frauenzeitung gegründet, beide schnell verboten. Sie begleitete ihren Mann im Feldzug in der Pfalz und in Baden und floh mit ihm 1849 über die Schweiz nach Amerika. Dort reiste sie durch die deutschen Siedlungsgebiete und warb in Vorträgen für das Frauenwahlrecht. 1852 gründete sie in Milwaukee die Deutsche Frauenzeitung, 1866 mit Caecilie Kapp eine Töchterschule, die sie bis zu ihrem Tod leitete. Friedrich Kapp, der kurz in Texas lebte, unterstützte wie Schurz die junge Republikanische Partei.
5Turnvereine, Kindergärten und eine streitbare Presse
Was die Achtundvierziger mitbrachten, sieht man bis heute. Die Turnbewegung von Friedrich Ludwig Jahn kam mit ihnen nach Amerika. 1848 entstanden die ersten Turnvereine in Cincinnati und New York, 1850 der Amerikanische Turnerbund, der einmal mehr als 30.000 Mitglieder zählte. Bis 1880 setzte er sich für umstrittene Ziele wie die Abschaffung der Sklaverei und den Sozialismus ein, danach vor allem für Turnunterricht an allen amerikanischen Schulen. Nebenbei halfen die Turner, das Kegeln in ganz Amerika zu verbreiten.
Auch beim Kindergarten waren Achtundvierziger vorn, und zwar gleich zwei. Margarethe Schurz gründete ihren 1856 in Watertown. Adolf Douai, über den gleich noch mehr zu sagen ist, gründete 1859 in Boston einen, der ebenfalls als erster des Landes gilt. Ein Streit um den ersten Kindergarten Amerikas unter deutschen Revolutionären: Fröbel hätte gelächelt. Das Handbook of Texas fasst den Beitrag der Achtundvierziger so zusammen: Sie förderten Bildung, Kunst, Journalismus, Medizin und das Geschäftsleben, besonders das Versicherungswesen.
6Die Lateiner von Texas
Mindestens 100 Achtundvierziger zogen nach Texas. Viele ließen sich im Tal des Sister Creek nieder, wo der Freidenker Nicolaus Zink, der für Prinz Carl zu Solms-Braunfels New Braunfels vermessen hatte, 1847 Sisterdale gegründet hatte. In den beiden Jahren danach kamen die Flüchtlinge der Revolution: Ernst Kapp, Geograf und früher Philosoph der Technik, Ottomar von Behr, Adolf Douai, August Siemering, Julius Dresel, Julius Fröbel und ein Baron von Westphal, Schwager von Karl Marx. Ihr Anführer als Farmer war ausgerechnet der Philosoph Ernst Kapp. Sisterdale ging als eine der berühmten Lateinersiedlungen in die Geschichte von Texas ein, und Besucher wie Frederick Law Olmsted und Herzog Paul von Württemberg hielten fest, was sie dort sahen.
6.1Eine Zeitung gegen die Sklaverei
Adolf Douai, 1819 in Altenburg geboren, war für seine Rolle in der Revolution fünfmal wegen Hochverrats angeklagt worden und hatte ein Jahr Haft verbüßt. Im Mai 1852 kam er nach Texas. Am 1. Juli 1853 erschien unter seiner Leitung die San Antonio Zeitung, die erste deutsche Zeitung der Stadt. Bald nutzte er sie als Plattform gegen die Sklaverei, die er ein Übel nannte, das mit demokratischer Regierung nicht vereinbar sei. Die Gegner tobten, und Mitglieder des örtlichen Turnvereins boten an, die Redaktion gegen Sklavereibefürworter zu schützen. Am 9. Februar 1855 forderte Douai einen eigenen freien Staat im Westen von Texas. 1856 musste er die Zeitung verkaufen und Texas verlassen.
6.2Treue der Union
Im Bürgerkrieg wurde aus Haltung Lebensgefahr. Am 10. August 1862 griffen konföderierte Reiter am Nueces River ein Lager von Unionisten aus dem Hill Country an, überwiegend deutsche Intellektuelle, die nach Mexiko unterwegs waren. Von 61 bis 68 Männern starben 19, neun Verwundete wurden wenige Stunden nach dem Gefecht hingerichtet. Unter den Toten waren Achtundvierziger und ihre Söhne. Am 10. August 1866 wurde in Comfort das Denkmal Treue der Union eingeweiht, über den Gebeinen der Toten. Es ist das einzige deutschsprachige Denkmal für die Union im Süden, an dem die Gefallenen begraben liegen, und dort weht eine Flagge mit 36 Sternen auf halbmast. Wie es den Deutschen in Texas insgesamt erging, erzählt der Leitfaden Deutsche in Texas.
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7Warum sie geblieben sind
Viele der lautesten Achtundvierziger, die durch Texas kamen, zogen weiter in liberalere Teile des Landes, wo sie als Lehrer, Wissenschaftler, Schriftsteller und Redner bessere Aussichten hatten. Andere blieben, und nach den Jahren des Kampfes in den 1850er Jahren, im Bürgerkrieg und in der Zeit danach lebten sie in Zentraltexas ein stilles Leben als Lehrer, Beamte, Kaufleute, Farmer und Rancher. Das ist vielleicht die schönste Pointe dieser Geschichte. Die Männer und Frauen, die in Europa als Umstürzler galten, wurden in Amerika zu Bürgern. Sie mussten nicht mehr gegen den Staat kämpfen, sie konnten ihn mitgestalten.
Eine Lehre davon ist zeitlos: Wer auswandert, um frei zu sein, bringt mehr mit als Gepäck. Schurz brachte seine Rednergabe, Anneke ihre Zeitung, Douai seine Schulen, die Turner ihre Hallen. Amerika gab ihnen den Raum, und sie gaben Amerika zurück, was sie konnten.
8Das neueste Kapitel
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- Forty-Eighters heißen die Anhänger der Revolutionen von 1848 und 1849; rund 4.000 von ihnen gingen in die USA, mindestens 100 nach Texas.
- Fast alle lehnten die Sklaverei ab, viele unterstützten die neue Republikanische Partei und kämpften im Bürgerkrieg für die Union.
- Carl Schurz befreite 1850 Gottfried Kinkel aus Spandau, wurde General, 1868 als erster Deutschamerikaner Senator und 1877 Innenminister.
- Mit ihnen kamen Turnvereine, Kindergärten und eine politische deutschsprachige Presse nach Amerika.
- In Texas gründeten sie die Lateinersiedlungen um Sisterdale; das Denkmal Treue der Union in Comfort erinnert an die Toten vom Nueces 1862.
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