Die Unabhängigkeit Amerikas stand zuerst in einer deutschen Zeitung. Gut 140 Jahre später verbot Nebraska, Kindern Deutsch beizubringen.
Als Amerika Deutsch las: Zeitungen, Kirchen, Schulen und Vereine der Deutschamerikaner, von 800 Blättern bis zum großen Verstummen
Teil des Leitfadens Die Deutschen & Amerika
Um 1892 erschienen in den Vereinigten Staaten rund 800 deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften, darunter fast hundert Tageszeitungen. Dazu kamen Tausende Vereine, deutsche Gottesdienste und Schulen von Philadelphia bis San Antonio. Dreißig Jahre später war ein Großteil davon verschwunden. Dieser Leitfaden erzählt, wie das deutsche Amerika lesen, beten, lernen und turnen lernte und warum es fast lautlos verstummte.
Keine andere Einwanderergruppe, schreibt das German Historical Institute, hat in Amerika so viele verschiedene Vereine gegründet wie die Deutschen. Dazu kamen Zeitungen, Kirchengemeinden und Schulen in der eigenen Sprache. Vieles davon ist so gründlich verschwunden, dass man es heute suchen muss. Dieser Leitfaden erzählt beides: den Aufstieg einer deutschsprachigen Welt mitten in Amerika, vom ersten Zeitungsversuch 1732 bis zu Hunderten Blättern um 1890, und ihren Niedergang, der früher begann, als die meisten denken. Warum Deutschamerikaner heute so wenig als eigene Gruppe auffallen, beleuchtet auch der Beitrag Deutschamerikaner: eine vergessene Geschichte.
1Benjamin Franklins zwei Ausgaben
Die erste deutschsprachige Zeitung Amerikas gründete kein Deutscher, sondern Benjamin Franklin. 1732 erschien in Philadelphia die Philadelphische Zeitung, vier Seiten, angekündigt als vierzehntägliche „Zeitung in Hochdeutsch“. Sie brachte es, soweit bekannt, auf genau zwei Ausgaben. Ein Grund dürfte die Schrift gewesen sein: Franklin druckte in Antiqua, die lateinischen Buchstaben, die die meisten Deutschen damals kaum zu lesen gewohnt waren. Ausgerechnet Benjamin Franklin scheiterte also an der Fraktur. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ein Amerikaner die Deutschen unterschätzte.
2Christoph Sauer: Zeitung, Bibel und Almanach aus Germantown
Den ersten Erfolg hatte ein Schneider aus der Pfalz. Johann Christoph Sauer, um den 2. Februar 1695 in Ladenburg getauft, kam 1724 nach Pennsylvania und ließ sich in Germantown nieder, das 1683 dreizehn deutsche Mennonitenfamilien auf der Suche nach Religionsfreiheit gegründet hatten. Er versuchte sich als Farmer und als Hersteller kleiner Druckerpressen, und 1738 kam er zum Drucken. Am 20. August 1739 erschien die erste Ausgabe seiner Zeitung, später als Germantauner Zeitung bekannt. Sauer begann vorsichtig mit einer Ausgabe im Monat und ging dann auf wöchentlich über. Um 1751 wurde sie in einer Auflage von 4.000 Stück gedruckt und in den verstreuten deutschen Gemeinden von Pennsylvania bis Georgia gelesen.
Sauer importierte den ersten Satz deutscher Drucklettern nach Amerika. 1743 vollendete er eine Bibel mit 1.284 Seiten im Quartformat, die erste Bibel in einer europäischen Sprache, die in Amerika gedruckt wurde. Auch die ersten Gesangbücher und Andachtsbücher vieler deutschamerikanischer Kirchen tragen das Zeichen seiner Presse. Seine Söhne führten die Zeitung fast vierzig Jahre weiter, bis ihre Treue zur britischen Krone sie in der Revolution ruinierte. Wie die Sprache der Pennsylvania-Deutschen bis heute weiterlebt, erzählt der Leitfaden Die Pennsylvania-Deutschen, Amische und das Pennsylvania Dutch.
3Die Unabhängigkeit erschien zuerst auf Deutsch
Am Freitag, dem 5. Juli 1776, lief in Philadelphia die erste Auflage der Unabhängigkeitserklärung als Flugblatt aus John Dunlaps Druckerei. Noch bevor sie fertig war, meldete Dunlaps Konkurrent und politischer Freund Henrich Miller in seiner deutschsprachigen Zeitung, dass der Kongress die vereinigten Kolonien zu freien und unabhängigen Staaten erklärt habe und der englische Text „jetzt unter der Presse“ sei. Am Dienstag, dem 9. Juli, erschien Henrich Millers Pennsylvanischer Staatsbote mit der beeindruckendsten Titelseite seiner Geschichte: die vollständige Erklärung, auf Deutsch. Etwa zur selben Zeit druckten Millers frühere Gesellen Melchior Steiner und Carl Cist dieselbe Übersetzung als Flugblatt. Ein Exemplar des Flugblatts liegt im Deutschen Historischen Museum in Berlin.
Die deutschen Leser in Philadelphia erfuhren von der neuen Nation also aus einer deutschen Zeitung, und die erste Übersetzung des Textes, der die Welt veränderte, war eine deutsche. Für eine Einwanderersprache ist das kein schlechter Einstand.
4New York, Milwaukee, San Antonio: die große Zeit der Presse
Im 19. Jahrhundert kamen Millionen. Die Volkszählung von 1890 zählte rund 2.785.000 in Deutschland geborene Einwohner, so viele wie nie zuvor oder danach. Mit ihnen wuchs die Presse. Deutsche Tages- und Wochenzeitungen erschienen in New York, Chicago, Cleveland, Detroit, Baltimore, Milwaukee, Philadelphia, Richmond, Little Rock, New Orleans und San Francisco, in Texas in San Antonio und New Braunfels. Große Städte hatten mehrere Blätter, für Geschäftsleute, Arbeiter, Katholiken, Lutheraner und Freidenker, und jedes stritt mit jedem.
4.1Die New Yorker Staats-Zeitung
Am 24. Dezember 1834 erschien die erste Ausgabe der New Yorker Staats-Zeitung, herausgegeben von einer Aktiengesellschaft. Gedruckt wurde sie auf einer Handpresse, von einem Redakteur, der zugleich Reporter und Druckmeister war, und einem achtzehnjährigen Lehrling. Die Auflage stieg von 2.000 im ersten Jahr auf 5.000 im Jahr 1840 und 14.000 zum zwanzigsten Geburtstag. Als der Verleger Jakob Uhl am 28. April 1852 starb, übernahm seine 37-jährige Witwe Anna, eine gebürtige Würzburgerin, die Leitung der inzwischen florierenden Tageszeitung. 1858 machte sie Oswald Ottendorfer zum Chefredakteur. 1890 stieg Herman Ridder ein, Sohn westfälischer Einwanderer, und aus seinem Verlag ging später die Zeitungskette Knight Ridder hervor.
Die Staats-Zeitung hatte von Anfang an eine klare Haltung: eine amerikanische Zeitung in deutscher Sprache. Gegenüber den Achtundvierzigern war sie anfangs spitz. 1853 und 1854 schrieb sie, die Neuankömmlinge hätten kein Recht, gegen ihre neue Heimat zu reden, denn „mancher Handwerker weiß mehr über amerikanische Politik als die Intellektuellen“. Wie die Achtundvierziger trotzdem ihre eigenen Blätter gründeten, erzählt der Leitfaden Die Forty-Eighters.
4.2Texas schreibt mit
Auch in Texas war Deutsch Zeitungssprache. Am 1. Juli 1853 erschien die San Antonio Zeitung, die erste deutsche Zeitung der Stadt, unter Adolf Douai, der sie bald zu einer Stimme gegen die Sklaverei machte. 1877 folgte das Fredericksburger Wochenblatt, die erste Zeitung in Gillespie County überhaupt. Wie die Stadt dazu kam, erzählt der Leitfaden Fredericksburg, Texas.
| Jahr | Deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften | davon Tageszeitungen |
|---|---|---|
| 1892/93 (Höhepunkt) | rund 800 | 97 |
| 1900 | 613 | |
| 1910 | 554 | rund 90 |
| 1920 | rund 278 | 29 |
Quelle: James M. Bergquist, The Val J. Peter Newspapers: The Rise and Decline of a Twentieth-Century German-Language Newspaper Empire, Yearbook of German-American Studies, mit Bezug auf Carl Wittke, The German Language Press in America (1957). Alle Werte sind Schätzungen der Forschung.
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5Kirchen und Schulen: Gott und Grammatik auf Deutsch
Für viele Einwanderer, besonders auf dem Land, war die Kirche der Mittelpunkt des Lebens, und um sie herum entstanden die Netzwerke, die einander halfen. Gepredigt wurde auf Deutsch, gesungen aus deutschen Gesangbüchern, viele davon zuerst aus Sauers Presse. Die älteste lutherische Gemeinde der USA, die noch in ihrem ursprünglichen Gebäude Gottesdienst feiert, gründeten Salzburger Glaubensflüchtlinge in Georgia; ihre Geschichte steht im Leitfaden Österreicher in Amerika.
Ebenso wichtig waren die Schulen. 1856 gründete Margarethe Schurz in Watertown, Wisconsin, in ihrem Haus den ersten Kindergarten der USA, ein Wort, das Amerika bis heute behalten hat. In San Antonio eröffneten Mitglieder des Casino-Clubs, überwiegend deutsche Einwanderer, 1858 die German-English School. Ihr erstes Gebäude wurde Friedrich Schiller gewidmet, und der Unterricht wechselte zwischen Englisch, Deutsch und Spanisch, damit die Kinder alle drei Sprachen lernten. Elf Monate Schuljahr, Unterricht von acht bis zwölf und von zwei bis vier, zwei freie Nachmittage pro Woche: Die Disziplin war streng, die Ansprüche hoch. 1897 wurde die Schule wegen Schulden verkauft.
6Turner, Sänger, Schützen: Amerika im Verein
Das German Historical Institute schreibt, keine andere Einwanderergruppe habe so viele unterschiedliche Vereine gegründet: Berufsverbände, Schützenvereine, Gesangvereine, literarische Gesellschaften, Turnvereine und Vereine für Landsleute aus bestimmten Regionen. Handwerker gründeten Unterstützungskassen für Invalidität, Witwen und Waisen. Bis 1915 gab es Tausende dieser Vereine im ganzen Land, mit jeweils mehr als zweihundert in New York, Philadelphia, Chicago und Milwaukee.
Die Turner waren die bekanntesten. 1848 entstanden die ersten Turnvereine in Cincinnati und New York, 1850 der Amerikanische Turnerbund mit zeitweise mehr als 30.000 Mitgliedern. In Texas gab es seit 1854 achtundzwanzig Turnvereine in einundzwanzig Gemeinden. Ihre Hallen waren Mittelpunkte des Dorflebens, mit Kegelbahn, Ballsaal, Theater und Ausschank. Die Turner organisierten Feiern zum 4. Juli und gründeten mehrere der ersten freiwilligen Feuerwehren. Das Turnen selbst wurde in Texas nie populär, das Kegeln umso mehr: 1913 entstand die Kegelliga der texanischen Turnvereine, und 1984 besaßen fünf der sechs verbliebenen Vereine eine eigene Bahn. Aus dem Reck wurde die Kugel, und die Vereine überlebten.
7Der Niedergang begann vor dem Krieg
Die gängige Erzählung lautet, der Erste Weltkrieg habe das deutsche Amerika ausgelöscht. Die Zahlen erzählen eine längere Geschichte. Auf dem Höhepunkt um 1892 zählte der Historiker Carl Wittke rund 800 deutschsprachige Publikationen, darunter 97 Tageszeitungen. 1900 waren es noch 613, 1910 noch 554. Der Historiker James M. Bergquist nennt den Grund: Die Einrichtungen hingen am Ende immer an der ersten Generation. Die Söhne und Töchter lernten zwar oft Deutsch, führten die Zeitungen, Vereine und Gemeinden der Eltern aber seltener fort. Dazu kam die schwere Wirtschaftskrise der 1890er Jahre.
7.1Dann kam 1917
Der Krieg gab vielen den Rest. Mit dem Kriegseintritt der USA folgten 1917 der Espionage Act und der Trading with the Enemy Act, 1918 der Sedition Act. Patriotische Vereine störten deutschsprachige Gottesdienste, deutsche Zeitungen wurden geschlossen, Kirchen deutscher Gemeinden gelb angestrichen, Schulkinder mussten versprechen, keine fremde Sprache mehr zu benutzen. Öffentliche Bibliotheken und Universitätsbibliotheken kündigten ihre deutschen Zeitungsabonnements. Bis März 1918 hatten 38 von 48 Bundesstaaten den Deutschunterricht an Schulen eingeschränkt oder abgeschafft. 1920 erschienen noch rund 278 deutsche Zeitungen, aus rund 90 Tageszeitungen im Jahr 1910 waren 29 geworden. Wie es den Deutschamerikanern in beiden Kriegen erging, erzählt ausführlich der Leitfaden Deutschamerikaner im Ersten und Zweiten Weltkrieg.
7.2Ein Lehrer, ein Junge und der Supreme Court
Am 25. Mai 1920 las ein Lehrer namens Meyer an der Pfarrschule der Zion Evangelical Lutheran Congregation in Nebraska mit dem zehnjährigen Raymond Parpart biblische Geschichten auf Deutsch. Das war verboten. Ein Gesetz vom 9. April 1919 untersagte es, in irgendeiner Schule eine moderne Fremdsprache zu unterrichten, bevor das Kind die achte Klasse abgeschlossen hatte. Das Bezirksgericht von Hamilton County verurteilte ihn, und das oberste Gericht von Nebraska hielt das Gesetz für eine zulässige Ausübung der Polizeigewalt. Am 4. Juni 1923 hob der Supreme Court das Urteil auf. Das Gesetz sei, so wie es angewandt wurde, willkürlich und ohne vernünftigen Bezug zu einem legitimen Zweck des Staates, es verletze die Freiheit, die der Vierzehnte Zusatzartikel schützt, und die Erfahrung zeige, dass eine Fremdsprache weder der Gesundheit noch der Moral noch dem Verstand eines gewöhnlichen Kindes schade. Ein Satz, den man in manchem Lehrerzimmer bis heute aufhängen könnte.
8Was geblieben ist
In Texas hielt die deutsche Presse länger durch als anderswo. Das Handbook of Texas datiert ihr Verstummen auf die frühen 1950er Jahre und nennt es das Ende einer Epoche. Die Vereine schrumpften, doch manche überlebten mit erstaunlicher Kraft: Der Turnverein in Boerne zählte 1984 mehr als 600 Mitglieder, in einer Stadt mit 3.229 Einwohnern.
Und die Sprache? Im Fünfjahresmittel 2019 bis 2023 sprachen in den USA 860.992 Menschen ab fünf Jahren zu Hause Deutsch. Weitere 589.508 sprachen Jiddisch, Pennsylvania Dutch oder eine andere westgermanische Sprache. 520.418 Einwohner der USA waren 2023 in Deutschland geboren, mehr als 40 Millionen nannten eine deutsche Abstammung. Aus einer Zeitungslandschaft mit Hunderten Titeln ist eine Gemeinschaft geworden, die Deutsch in der Familie spricht und ihre Vereine pflegt. Wie die Gemeinschaft in Texas heute lebt, mit Firmen, Schulen und Vereinen, zeigt der Leitfaden Die deutsche Community in Texas heute.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| In Deutschland Geborene in den USA, Volkszählung 1890 (Höchststand) | rund 2.785.000 |
| In Deutschland Geborene in den USA, 2023 | 520.418 (± 14.234) |
| Menschen ab 5 Jahren, die zu Hause Deutsch sprechen, 2019 bis 2023 | 860.992 (± 10.107) |
| dazu Jiddisch, Pennsylvania Dutch und andere westgermanische Sprachen | 589.508 |
| Menschen mit deutscher Abstammung, 2023 | 40.502.214 (± 180.168) |
Quelle: James M. Bergquist, Yearbook of German-American Studies (Volkszählung 1890); U.S. Census Bureau, American Community Survey 2023, 1-Year Estimates, Tabellen B05006 und B04006; American Community Survey 2019 bis 2023, 5-Year Estimates, Tabelle B16001.
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9Das neueste Kapitel
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- Die erste deutschsprachige Zeitung Amerikas gab 1732 Benjamin Franklin heraus, sie brachte es auf zwei Ausgaben; die erste mit Bestand gründete Christoph Sauer 1739 in Germantown.
- Henrich Millers Pennsylvanischer Staatsbote meldete die Unabhängigkeitserklärung am 5. Juli 1776 und druckte sie am 9. Juli als erste Übersetzung ins Deutsche.
- Auf dem Höhepunkt um 1892 gab es rund 800 deutschsprachige Blätter; 1920 waren es noch etwa 278, die Tageszeitungen fielen von rund 90 im Jahr 1910 auf 29.
- Der Niedergang begann vor dem Ersten Weltkrieg mit der zweiten Generation; der Krieg, Sprachgesetze in 38 von 48 Staaten und der Druck auf Kirchen und Vereine gaben vielen Einrichtungen den Rest.
- 2019 bis 2023 sprachen in den USA 860.992 Menschen zu Hause Deutsch.
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