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Österreicher sind in Amerika keine Deutschen mit Akzent. Sie haben ihre eigene Geschichte, und die beginnt mit einem Erzbischof.

Österreicher in Amerika: Salzburger Glaubensflüchtlinge in Georgia, Burgenländer in den Zementmühlen von Pennsylvania und ein Exil, das Hollywood veränderte

Teil des Leitfadens Die Deutschen & Amerika

Die Geschichte der Österreicher in Amerika läuft in drei großen Wellen, und keine davon passt in das Bild vom deutschen Auswanderer mit Pfeife und Pflug. Zuerst kamen Protestanten, die ein Erzbischof aus Salzburg vertrieben hatte. Dann kamen Arbeiter aus dem Burgenland in die Zementmühlen von Pennsylvania. Und nach 1938 kamen Menschen, die um ihr Leben flohen und Amerika Musik, Film und Wissenschaft schenkten.

Wer in Amerika „German“ sagt, meint oft alle, die Deutsch sprechen. Für Österreicher ist das ungefähr so schmeichelhaft, wie wenn man einen Tiroler für einen Bayern hält. Die Österreicher haben in Amerika ihre eigene Geschichte, mit eigenen Ursachen, eigenen Zielorten und eigenen Helden. Dieser Leitfaden folgt ihr in drei Wellen: den Salzburger Protestanten, die 1734 in Georgia ankamen, den Auswanderern aus der Donaumonarchie und dem Burgenland, und den Vertriebenen nach 1938. Am Ende steht die Frage, wie viele Österreicher heute in den USA leben, und wo das neueste Kapitel beginnt. Die Schweizer Geschichte erzählt der Leitfaden Schweizer Auswanderer in Amerika, die deutsche der Überblick Die Deutschen und Amerika.

1Drei Wellen, die nicht in das deutsche Bild passen

Die deutsche Auswanderung nach Amerika war über weite Strecken eine Bauern- und Handwerkerwanderung, angetrieben von Missernten, dem Niedergang des ländlichen Handwerks und der Hoffnung auf eigenes Land. Die österreichische Geschichte beginnt anders. Ihr erster Akt ist eine Glaubensvertreibung. Ihr zweiter ist eine Arbeiterwanderung in die Industrie, aus einem Vielvölkerstaat, dessen Auswanderer die amerikanische Statistik unter „Austria“ verbuchte, egal ob sie aus Galizien oder aus der Steiermark kamen. Und ihr dritter Akt ist eine Flucht vor dem Mord.

Dazwischen liegen Einzelne, die man gern übersieht. Der Großvater von William Boeing mütterlicherseits, Karl Ortmann, war ein deutschsprachiger Einwanderer aus Wien und Holzhändler in Detroit. Bei ihm arbeitete Boeings Vater Wilhelm Böing fünf Jahre lang, bevor er seine Tochter heiratete. Ein Wiener Holzhändler steht also am Anfang einer der bekanntesten Flugzeugfirmen der Welt, wenn auch eine Generation entfernt. Mehr über Boeing und die anderen großen Gründer steht im Leitfaden Deutsche Unternehmer in Amerika.

21731: ein Erzbischof und zwanzigtausend Protestanten

Im Jahr 1731 erließ Leopold von Firmian, katholischer Erzbischof und Landesfürst des damals unabhängigen Salzburg, ein Ausweisungsedikt. Es zwang rund zwanzigtausend Protestanten aus ihrer Heimat. Wer Grund und Boden besaß, bekam drei Monate, um zu verkaufen und das Land zu verlassen. Wer nichts besaß, hatte acht Tage. Die meisten Vertriebenen fanden eine neue Heimat in Ostpreußen und in Holland.

Ein kleiner Teil ging weiter, über den Atlantik. Der Augsburger Pfarrer Samuel Urlsperger und die Society for Promoting Christian Knowledge nahmen sich der Salzburger an und baten König George II. von England um Hilfe. George, ein deutscher Herzog und Lutheraner, bot ihnen Land in seiner Kolonie Georgia an. Etwa 300 Salzburger nahmen an, angeführt von den Pastoren Johann Martin Boltzius und Israel Gronau. Die erste Gruppe erreichte am 7. März 1734 Charleston in South Carolina und am 12. März Savannah. Dort empfing sie James Oglethorpe, der Gründer der Kolonie, und wies ihnen ein Stück Land rund fünfundzwanzig Meilen flussaufwärts zu, am Ebenezer Creek.

Spätere Schiffe brachten die übrigen Exilanten, dazu andere deutschsprachige Siedler, die man dann ebenfalls einfach „Salzburger“ nannte. Ausnahmsweise war das Etikett also einmal österreichisch und nicht deutsch.

3Ebenezer: Mühlen, Seide und zwei Wochen Hauptstadt

Der erste Platz war schlecht gewählt. Er lag zu weit im Landesinneren, ohne Wasserweg zum Savannah River, und für Vorräte mussten die Siedler acht Meilen zu Fuß über eine oft überflutete Straße zur schottischen Siedlung Abercorn gehen. Etwa dreißig Siedler starben in den ersten beiden Jahren an der Ruhr, Ernte und Vieh gediehen im Sumpf nicht. Anfang 1736 gab Oglethorpe ihnen einen neuen Platz auf den hohen Uferklippen über dem Savannah River: New Ebenezer.

Dort blühte die Siedlung auf. 1740 bauten die Salzburger mit Geld der Treuhänder die erste wassergetriebene Getreidemühle der Kolonie Georgia, 1751 eine zweite. Daneben standen Stampfmühlen für Reis und Gerste und zwei Sägemühlen; das Holz aus Ebenezer wurde zu einer wertvollen Ware. Witwen und Waisen betrieben die erste Seidenhaspel Georgias. Die Salzburger gründeten 1734 die erste Sonntagsschule Georgias und 1737 das erste Waisenhaus. Mit den Treuhändern der Kolonie waren sie sich besonders beim Verbot der Sklaverei einig, und dieses Bündnis sicherte ihnen weitere Hilfe.

3.1Die Kirche, die alles überstand

1769 wurde die neue Jerusalem-Kirche aus rotem Backstein fertig. Vor der Revolution zählte die Gemeinde rund 1.200 Menschen auf etwa fünfundzwanzig Quadratmeilen. Dann kam der Krieg. Britische Truppen schlugen in Ebenezer ihr Hauptquartier auf, plünderten Häuser und benutzten sie für Schießübungen mit Kanonen, die Kirche diente als Lazarett und ihre Bänke als Feuerholz. Als amerikanische Truppen den Ort 1782 zurückeroberten, machten sie Ebenezer für zwei Wochen zur Hauptstadt von Georgia. Es dürfte die kürzeste Hauptstadtkarriere einer österreichischen Gründung in der Weltgeschichte sein.

Die Kirche überstand die Revolution, die Besetzung durch die Truppen von General Sherman im Bürgerkrieg und ein Erdbeben 1886. Sie beherbergt die älteste lutherische Gemeinde der Vereinigten Staaten, die ohne Unterbrechung in ihrem ursprünglichen Gebäude Gottesdienst feiert. Viele Nachfahren leben bis heute in Effingham und Chatham County, und die Georgia Salzburger Society, 1925 gegründet, pflegt die Geschichte. Mehr über den Bundesstaat steht im Porträt Georgia.

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4Die Donaumonarchie wandert aus

Die große Welle kam spät. Während die deutsche Einwanderung in den 1850er und 1880er Jahren ihre Höhepunkte hatte, nahm die österreichische erst ab den 1870er Jahren richtig Fahrt auf. Das Heimatschutzministerium zählt für die 1880er Jahre 204.805 Einwanderer aus Österreich, für das Jahrzehnt ab 1900 532.416 und für das Jahrzehnt ab 1910 589.174. Dazu kommen für das Jahrzehnt ab 1900 weitere 783.393 Menschen, bei denen Österreich und Ungarn nicht getrennt erfasst wurden.

Hinter diesen Zahlen stecken nicht nur Österreicher im heutigen Sinn. Bis 1906 zählten die Behörden nach Herkunftsland, danach nach dem Land des letzten Wohnsitzes, und Polen war von 1899 bis 1919 unter anderem in Österreich enthalten. Ein Galizier und ein Steirer konnten also in derselben Spalte stehen. Wer seine eigenen Vorfahren in diesen Listen sucht, findet den Weg im Leitfaden Ahnenforschung: deutsche Vorfahren in den USA finden.

Nach dem Ersten Weltkrieg brach die Zahl ein: 31.392 in den 1920er Jahren, 6.678 in den 1930er Jahren. Ein Grund liegt nicht in Wien, sondern in Washington. Am 1. Juli 1924 senkten die USA die Einwanderungsquoten radikal.

Einwanderer aus Österreich nach Jahrzehnt (Daueraufenthalt)
JahrzehntÖsterreichÖsterreich-Ungarn (nicht getrennt erfasst)
1860–18692.700192
1870–187954.529
1880–1889204.805
1890–1899268.21862.491
1900–1909532.416783.393
1910–1919589.174
1920–192931.392
1930–19396.678
1940–19498.496
1950–195981.354
1960–196917.571
2010–201920.314

Quelle: U.S. Department of Homeland Security, Office of Homeland Security Statistics, Yearbook of Immigration Statistics 2022, Table 2 (Fiscal Years 1820 to 2022). Vor 1906 Herkunftsland, danach Land des letzten Wohnsitzes; die Grenzen haben sich verschoben, Polen ist von 1899 bis 1919 unter anderem in Österreich enthalten. Die Zahlen vor 1918 umfassen deshalb Gebiete, die heute nicht zu Österreich gehören.

5Burgenländer: Chicago, Allentown und die Zementmühlen

Eine Region hat diese Auswanderung besonders geprägt. Rund 65.000 Burgenländer gingen zwischen dem späten 19. Jahrhundert und der Mitte des 20. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Den Höhepunkt erreichte die Bewegung 1923, im letzten Jahr vor der neuen Quote. Viele zog es nach Chicago und New York, doch die Gemeinschaft, die ihre Kultur am längsten bewahrte, entstand in Pennsylvania: in Allentown und in den Nachbarorten Coplay und Northampton im Lehigh Valley.

Die Burgenländer kamen arm an und fingen ganz unten an, unabhängig davon, was sie zu Hause gelernt hatten. Im Lehigh Valley boten vor allem die Zementmühlen Arbeit. Der Sprachforscher Hannes Martschin, der die Gemeinschaft im Yearbook of German-American Studies untersucht hat, beschreibt, wie die Einwanderer aus dem südlichen Burgenland zunächst unter sich blieben. Englisch lernten sie schnell, so weit der Alltag es verlangte, als Gruppe blieben sie für sich.

5.1Liederkranz, Sängerbund und die erste Krankenversicherung

Das Leben spielte sich in Vereinen ab. Martschin nennt unter anderem die Austrian-Hungarian Veterans Society, den Northampton Liederkranz, den Coplay Sängerbund, den Westcoplay Männerchor, den St. Josefs Kranken- und Unterstützungsverein und den Allentown Turner und Liederkranz. Die Unterstützungsvereine waren mehr als Geselligkeit: Sie waren die ersten Krankenversicherungen der Einwanderer und gaben ihnen ein Stück soziale Sicherheit.

In den Familien sprach man weiter Deutsch, genauer die burgenländische Mundart, und die Kinder lernten sie als erste Sprache. Eine Beobachtung Martschins dürfte jeden Leser dieser Seite freuen: Die Höflichkeitsform „Sie“ fehlte den Burgenland-Amerikanern weitgehend, viele kannten sie gar nicht. In Pennsylvania wurde also schon geduzt, als man in Wien noch siezte. Wir halten es auf dieser Seite genauso.

In Chicago und New York ging die Anpassung viel schneller als in den Kleinstädten Pennsylvanias, wo die überschaubare Gemeinschaft Integration und Bewahrung zugleich möglich machte. Doch auch dort wird die Gruppe kleiner. Wie es den deutschsprachigen Vereinen insgesamt erging, erzählt der Leitfaden Deutsche Zeitungen, Kirchen, Schulen und Vereine in Amerika.

61938: Vertreibung und ein Exil, das Amerika veränderte

Die dritte Welle war keine Auswanderung, sondern eine Flucht. Mit dem 11. März 1938 setzte der Terror gegen die jüdische Bevölkerung Österreichs ein. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes beziffert die Folgen nüchtern: Zwischen März 1938 und November 1941 vertrieb das NS-Regime mehr als 130.000 Österreicherinnen und Österreicher, die überwiegende Mehrheit Jüdinnen und Juden im Sinn der Nürnberger Gesetze. Für viele, die sich zunächst in die Tschechoslowakei retteten, wurde sie zur Durchgangsstation auf dem Weg nach Großbritannien, Frankreich, Belgien oder in die USA.

Manche Österreicher, die in Deutschland lebten, mussten schon 1933 fliehen, und unter denen, die in Amerika ankamen, waren Menschen, ohne die die amerikanische Kultur anders aussähe. Der Komponist Arnold Schönberg, 1874 in Wien geboren, emigrierte 1933 und kam Ende des Jahres mit seiner Familie in New York an. Er lehrte in Boston, New York, Chicago und an der University of Southern California, wurde 1936 Professor an der University of California in Los Angeles und starb 1951 in Los Angeles. Seine Schüler trugen seine Musik an Orte wie das Black Mountain College in North Carolina.

Billy Wilder, 1906 in Galizien geboren, zog 1916 mit seinen Eltern nach Wien und machte dort 1924 die Matura. Nach dem Reichstagsbrand floh er nach Paris und von dort nach New York. Ab 1936 schrieb er mit einem Vertrag der Paramount Drehbücher, unter anderem für Ernst Lubitschs „Ninotchka“, und drehte später als Regisseur Filme wie „Sunset Boulevard“. Er starb 2002 in Beverly Hills. Wie die Flucht der Wissenschaftler und Erfinder die USA veränderte, erzählt der Leitfaden Deutsche Erfinder und Wissenschaftler in den USA.

7Von der steirischen Eiche bis heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen noch einmal viele: 81.354 Einwanderer mit letztem Wohnsitz in Österreich zählt die Statistik für die 1950er Jahre, danach wurden es deutlich weniger. Der bekannteste Österreicher dieser Nachkriegszeit kam 1968. Arnold Schwarzenegger, am 30. Juli 1947 in Thal bei Graz geboren, war mit zwanzig der jüngste Mr. Universe der Geschichte und gewann in Amerika zwölf weitere Weltmeistertitel im Bodybuilding. Sein Spitzname lautete „The Austrian Oak“ oder „Styrian Oak“, und die Biografie des Staates Kalifornien erzählt ernsthaft, er habe an einer Eiche am Ufer des Thalersees Klimmzüge gemacht. 1983 wurde er amerikanischer Staatsbürger, von 2003 bis 2011 war er Gouverneur von Kalifornien. Vom Klimmzug an der Eiche zum Governator: Das ist der amerikanische Traum in steirischer Mundart.

Und heute? 2023 gaben in den USA 570.414 Menschen eine österreichische Abstammung an. In Österreich geboren waren 37.929 Einwohner der USA, ungefähr so viele wie die in der Schweiz Geborenen. Greencards für Menschen, die zuletzt in Österreich lebten, vergaben die USA von 2014 bis 2023 zwischen rund 400 und 2.300 pro Jahr. Österreicher sind in Amerika also eine kleine Gemeinschaft mit großer Wirkung, wenn man an Schönberg, Wilder und Schwarzenegger denkt.

Österreicher in den USA heute
KennzahlWert
Menschen mit österreichischer Abstammung (2023)570.414 (± 16.934)
in Österreich geboren und in den USA lebend (2023)37.929 (± 4.182)
zum Vergleich: in der Schweiz geboren (2023)40.589 (± 3.665)
Greencards für Menschen mit letztem Wohnsitz in Österreich, 20141.090
dasselbe, 20191.200
dasselbe, 2023500

Quelle: U.S. Census Bureau, American Community Survey 2023, 1-Year Estimates, Tabellen B04006 (People Reporting Ancestry) und B05006 (Place of Birth for the Foreign-Born Population); U.S. Department of Homeland Security, Yearbook of Immigration Statistics 2023, Table 2 (Persons Obtaining Lawful Permanent Resident Status, gerundete Werte).

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8Das neueste Kapitel

Die Salzburger hatten keine Wahl, die Burgenländer kaum eine, die Vertriebenen von 1938 gar keine. Wer heute aus Österreich nach Amerika geht, entscheidet sich frei, und das ist der größte Unterschied zu allen drei Wellen. Was gleich geblieben ist: Man braucht einen Ort, an dem man ankommen darf, und eine Erlaubnis, dort zu bleiben.

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Zusammengefasst
  • 1731 vertrieb der Salzburger Erzbischof Leopold von Firmian rund 20.000 Protestanten; etwa 300 von ihnen gründeten ab 1734 Ebenezer in Georgia, dessen Jerusalem-Kirche bis heute steht.
  • Von 1870 bis 1919 zählte die Statistik mehr als 1,6 Millionen Einwanderer aus Österreich, doch darin stecken Gebiete, die heute nicht zu Österreich gehören.
  • Rund 65.000 Burgenländer gingen in die USA, mit dem Höhepunkt 1923; ihr Zentrum mit der stärksten Kultur blieb die Gegend um Allentown in Pennsylvania.
  • Zwischen 1938 und 1941 vertrieb das NS-Regime mehr als 130.000 Österreicher; unter denen, die in Amerika ankamen, waren Arnold Schönberg und Billy Wilder.
  • 2023 gaben 570.414 Menschen in den USA eine österreichische Abstammung an; 37.929 lebten dort, die in Österreich geboren sind.

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Sebastian Sauerborn
Sebastian Sauerborn
Gründer der Kanzlei Mount Bonnell, Austin, Texas
9 Minuten Lesezeit · Stand: Oktober 2026

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