Eine Sprache, die 100 Jahre lang Zeitungen füllte, lebt heute vor allem in Tonaufnahmen.
Texasdeutsch: Wo das Flugzeug Luftschiff heißt und das Stinktier Stinkkatze, und warum diese Sprache nach fast 200 Jahren verstummt
Teil des Leitfadens Die Deutschen & Amerika
In Teilen von Texas heißt das Flugzeug bis heute Luftschiff, das Stinktier Stinkkatze und der Wasserhahn Wasserkrahn. Wer so spricht, ist meistens weit über 60, auf dem Land in Zentraltexas aufgewachsen und hat Deutsch nicht in der Schule gelernt, sondern am Küchentisch. Texasdeutsch ist eine Sprache, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt, und eine, die bald niemand mehr sprechen wird. Hier steht, woher sie kommt, wie sie klingt, warum sie verschwindet und wer sie bewahrt.
Die Zahlen und Beispiele in diesem Leitfaden stammen vom Texas German Dialect Project (TGDP) an der University of Texas at Austin, vom Max Kade Institute der University of Wisconsin, aus dem Handbook of Texas der Texas State Historical Association und vom U.S. Census Bureau. Die Geschichte der Siedler, die diese Sprache mitbrachten, erzählt der Leitfaden Deutsche in Texas.
1Was Texasdeutsch ist und was nicht
Texasdeutsch ist kein einzelner Dialekt, sondern eine Familie von Sprechweisen, die sich von Ort zu Ort unterscheidet. Laut TGDP ist es eine Mischung der Dialekte, die die Einwanderer mitbrachten, verbunden mit Englisch und dem natürlichen Sprachwandel über die Jahre. Das Max Kade Institute beschreibt den entscheidenden Unterschied zu anderen deutschen Sprachinseln in Amerika: In Wisconsin blieben die europäischen Dialekte weitgehend erhalten. In Texas dagegen entwickelte sich aus dem regional gefärbten Hochdeutsch der Einwanderer, dem „landschaftlichen Hochdeutsch“, etwas Neues.
Gesprochen wird Texasdeutsch von Menschen, die in Texas mit Deutsch aufgewachsen sind oder es sehr früh gelernt haben. Ihre Vorfahren kamen zwischen 1830 und 1900 aus Deutschland und blieben. Das TGDP nennt drei Gründe, warum es nirgendwo sonst einen Dialekt wie diesen gibt: die besondere Mischung der Dialekte aus dem 19. Jahrhundert, den Kontakt mit texanischem Englisch und sein vergleichsweise junges Alter.
Texasdeutsch ist nicht dasselbe wie Pennsylvania Dutch, die Sprache der Amischen und der Mennoniten alter Ordnung, die in diesen traditionellen Gemeinschaften bis heute an Kinder weitergegeben wird. Der Unterschied ist entscheidend: Pennsylvania Dutch wächst mit den kinderreichen Familien seiner Sprecher, Texasdeutsch hat keine Kinder mehr, die es lernen. Mehr dazu im Leitfaden Die Pennsylvania-Deutschen und das Pennsylvania Dutch.
2Bungis und Stinkkatze: wie Texasdeutsch klingt
Am leichtesten erkennt man Texasdeutsch an seinem Wortschatz. Wo den Siedlern ein Wort fehlte, weil es das Ding in Deutschland nicht gab, griffen sie zum Englischen oder bauten sich selbst eines. Das Stinktier, das es in Europa nicht gibt, wurde zur Stinkkatze. Der Kürbis heißt Bungis, nach dem englischen „pumpkin“. Aus „whatever“ wurde „wasever“, aus „without“ „mitaus“, und „this“ wurde zu „hiedas“.
Das schönste Wort ist vielleicht Luftschiff für das Flugzeug. Es passt zu einem Texasdeutschen, den das Handbook of Texas ausführlich würdigt: Jacob Brodbeck, Lehrer aus Württemberg, der im Hill Country zwanzig Jahre lang an einem „air-ship“ baute. 1865 soll seine Maschine bei Luckenbach zwölf Fuß hoch gestiegen und nach rund 100 Fuß abgestürzt sein, fast 40 Jahre vor den Brüdern Wright. Die Berichte darüber widersprechen sich, Zeichnungen sind nicht erhalten. Das Wort Luftschiff hat überlebt.
Neben Wörtern hat Texasdeutsch eigene Grammatik. Die Forschung des TGDP beschäftigt sich etwa mit dem Verlust von Fällen, mit der Wortstellung in Nebensätzen und mit englischen Diskursmarkern wie „of course“, „see“ und „now“, die mitten in deutsche Sätze wandern. Wer Texasdeutsch hört, hört also nicht nur ein altes Deutsch, sondern ein Deutsch, das 150 Jahre lang mit dem Englischen Tür an Tür gewohnt hat. Die Tabelle zeigt einige Wörter aus der Liste des TGDP.
| Texasdeutsch | Englisch | Hochdeutsch |
|---|---|---|
| der/die Bungis | pumpkin | der Kürbis |
| die Eichkatze | squirrel | das Eichhörnchen |
| hiedas | this | dieses |
| das Luftschiff | airplane | das Flugzeug |
| mitaus | without | ohne |
| die Stinkkatze | skunk | das Stinktier |
| wasever | whatever | was auch immer |
| der Wasserkrahn | water faucet | der Wasserhahn |
Quelle: Texas German Dialect Project, University of Texas at Austin, „About Texas German“, Wortliste (tgdp.org). Texasdeutsch wird von Ort zu Ort verschieden gesprochen; nicht jeder Sprecher verwendet jedes Wort. Gelesen am 24. Oktober 2026.
3Die große Zeit: Zeitungen, Kirchen, Schulen und Vereine
1850 lebten in Texas 8.266 Menschen, die in Deutschland geboren waren, 1860 rund 30.000 Texasdeutsche einschließlich ihrer in Amerika geborenen Kinder. Für die ersten Jahrzehnte beschreibt das TGDP die deutschen Gemeinden als weitgehend abgeschlossen, auch weil viele Siedler die Sklaverei ablehnten und bewusst auf Selbstversorgung setzten. Diese Abgeschlossenheit und der Wille, die Sprache zu erhalten, ließen Texasdeutsch entstehen.
Getragen wurde die Sprache von Institutionen. 1917 boten in Texas 145 Kirchengemeinden Gottesdienste auf Deutsch an. Es gab zahlreiche deutschsprachige Zeitungen, einige mit beachtlicher Auflage: Der „Texas Vorwärts“ in Austin hatte um 1900 eine Auflage von rund 6.100 Exemplaren. Deutsche gründeten Schulen, die allen Kindern offenstanden, etwa die German Free School in Austin, die 1858 Unterricht auf Deutsch und Englisch erteilte, oder die German-English School in San Antonio, gegründet 1858. Dazu kamen Gesangvereine, Turnvereine, Schützenvereine und landwirtschaftliche Gesellschaften. Wie es der deutschen Presse in ganz Amerika erging, erzählt der Leitfaden Deutsche Zeitungen, Kirchen, Schulen und Vereine in Amerika.
Wie verbreitet Deutsch war, zeigen kleine Details. In Fredericksburg erschien 1877 mit dem „Wochenblatt“ die erste Zeitung des Countys, auf Deutsch. Ein Fuhrmann erinnerte sich, in den 1880er Jahren sei der Sheriff, der Deutsch und gebrochenes Englisch sprach, der einzige gewesen, der für ihn dolmetschen konnte. Erst nach 1900 stellten die öffentlichen Schulen in Fredericksburg die ersten rein englischsprachigen Lehrer ein.
4Der Bruch: Schulgesetze, Krieg und Klan
Das Ende begann mit Gesetzen. 1909 verabschiedete Texas ein Gesetz, das Englisch als Unterrichtssprache an öffentlichen Schulen vorschrieb. Nach dem Kriegseintritt der USA im April 1917 folgte 1918 ein zweites: Lehrer an öffentlichen Schulen mussten den Unterricht ausschließlich auf Englisch halten, Fremdsprachen waren erst an der High School erlaubt. Deutschsprachige Zeitungen mussten zudem Übersetzungen kriegsbezogener Artikel bei der Post hinterlegen, was viele finanziell nicht durchhielten.
Nach dem Ersten Weltkrieg richtete sich der wiedererstarkte Ku-Klux-Klan auch gegen Texasdeutsche und ihre Sprache. Das TGDP dokumentiert Drohplakate an einer lutherischen Kirche, die Deutschsprachige aufforderten, Englisch zu sprechen oder die Stadt zu verlassen, und einen Arzt aus Brenham, der 1921 überfallen wurde, weil er Deutsch gesprochen hatte. Der Houston Sängerbund führte seine Protokolle von 1919 bis 1923 auf Englisch, kehrte dann zum Deutschen zurück und benannte sich 1942 in Houston Singing Society um. Die Landwirtschaftsgesellschaft in Cat Spring stellte ihre Protokolle am 12. April 1942 auf Englisch um.
Das Max Kade Institute warnt allerdings davor, den Ersten Weltkrieg allein verantwortlich zu machen. Der Wechsel zum Englischen folgte in ganz Amerika einem Muster über drei Generationen: Die Einwanderer bleiben in ihrer Sprache zu Hause, ihre Kinder werden zweisprachig, die Enkel sprechen nur noch Englisch. Der Krieg beschleunigte, was ohnehin geschah. Dass es in Texas dennoch weit nach 1918 geborene Muttersprachler gibt, ist für das Institut der beste Beleg. Was Deutschamerikanern in beiden Weltkriegen widerfuhr, steht im Leitfaden Deutschamerikaner im Ersten und Zweiten Weltkrieg.
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5Der leise Rückzug nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand das Deutsche aus der Öffentlichkeit. 1947 erschienen nur noch eine Handvoll deutschsprachiger Zeitungen in Texas. Die „Neu-Braunfelser Zeitung“ stellte im Dezember 1957 als letzte auf Englisch um. Gemeinden ersetzten deutsche Gottesdienste durch englische, Schulen strichen den Deutschunterricht.
Das TGDP nennt weitere Gründe. Bis zum Zweiten Weltkrieg besuchten viele Kinder auf dem Land kleine Dorfschulen, auf deren Pausenhof Deutsch gesprochen wurde. In den 1950er Jahren wurden diese Schulen zusammengelegt und die Kinder mit Bussen in größere Schulen gefahren. Neue Landstraßen und ab 1956 das Interstate-System brachten Englischsprachige in die deutschen Orte und junge Texasdeutsche in die Städte. Wer einen Partner heiratete, der kein Deutsch sprach, sprach zu Hause Englisch. Ihre Kinder lernten oft nur ein paar feste Wendungen, Gebete oder Flüche.
Eine Beobachtung aus den Interviews des TGDP sagt viel: Texasdeutsche, die in den 1930er bis 1960er Jahren Kinder waren, erinnern sich, dass ihre Eltern Deutsch als Geheimsprache benutzten, wenn die Kinder etwas nicht verstehen sollten. Eine Sprache, die man vor den eigenen Kindern spricht, damit sie sie nicht verstehen, wird nicht weitergegeben. Seit den 1950er Jahren lernen Kinder Texasdeutsch kaum noch zu Hause.
6Wie viele noch Texasdeutsch sprechen
Die höchste bekannte Schätzung stammt aus dem Jahr 1940: rund 159.000 Sprecher. In den 1960er Jahren zählte die Forschung noch rund 70.000 Sprecher im German Belt, der sich von Gillespie und Medina County im Westen bis Washington, Austin und Fort Bend County im Osten erstreckt. Für die Jahre 2003 bis 2009 schätzte der Germanist Hans C. Boas, Gründer des TGDP, noch 8.000 bis 10.000 fließende Sprecher, fast alle über 60. Für 2020 nennt das TGDP rund 5.000.
Wie lange noch? Die Prognosen liegen eng beieinander. Der Linguist Joseph Wilson sagte 1986 das Aussterben für 2036 voraus. Boas und Pierce schrieben 2011, Texasdeutsch werde voraussichtlich innerhalb von 30 Jahren aussterben. Das TGDP selbst rechnet damit, dass der Dialekt bis 2040 verschwunden ist. Die Sprache ist, in der Fachsprache, kritisch bedroht.
Deutsch selbst verschwindet dabei nicht aus Texas. Im American Community Survey 2024 gaben 60.132 Texaner ab fünf Jahren an, zu Hause Deutsch zu sprechen; nur in Kalifornien und Florida waren es mehr. Diese Zahl erfasst aber jeden, der Deutsch spricht, auch Zugezogene aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie sprechen Hochdeutsch, Wienerisch oder Schweizerdeutsch, nicht Texasdeutsch.
| Zeitpunkt | Zahl | Was gezählt oder geschätzt wurde |
|---|---|---|
| 1850 | 8.266 | in Deutschland Geborene in Texas |
| 1860 | rund 30.000 | Texasdeutsche, Eingewanderte und ihre Kinder |
| 1907 | 75.000–100.000 | Texasdeutsche (Schätzung Eichhoff) |
| 1917 | 145 | Kirchengemeinden mit Gottesdienst auf Deutsch |
| 1922 | 16 | deutschsprachige Zeitungen in Texas |
| 1940 | rund 159.000 | Sprecher des Texasdeutschen (Kloss), die höchste bekannte Schätzung |
| 1960er | rund 70.000 | Sprecher im German Belt |
| 1970 | rund 95.600 | Sprecher, deren Familien seit Generationen in Texas lebten, abgeleitet aus Kloss (237.600 Muttersprachler Deutsch in Texas, davon 142.000 in Amerika geborene Kinder in Amerika geborener Eltern) |
| 2003–2009 | 8.000–10.000 | fließende Sprecher, überwiegend 60 Jahre und älter (Boas) |
| 2020 | rund 5.000 | Sprecher des Texasdeutschen |
| 2024 | 60.132 | Menschen ab 5 Jahren, die zu Hause Deutsch sprechen, einschließlich Zugezogener (American Community Survey) |
Quellen: Texas German Dialect Project, „About Texas German“ (Auszug aus Boas und Pierce 2011, mit Jordan 1975, Eichhoff 1986, Kloss 1977, Salmons und Lucht 2006) und Bannerreihe „The Rise and Fall of German in Texas“, Teile II und III (tgdp.org); U.S. Census Bureau, American Community Survey 2024, 1-Jahres-Schätzung, Tabelle B16001. Die Zahlen beruhen auf verschiedenen Methoden und zählen teils Sprecher, teils Abstammung. Gelesen am 24. Oktober 2026.
7Das Texas German Dialect Project
Dass Texasdeutsch nicht spurlos verschwindet, ist vor allem einem Projekt zu verdanken. Im September 2001 gründete Hans C. Boas am Department of Germanic Studies der University of Texas at Austin das Texas German Dialect Project. Sein Ziel: die Sprache aufzunehmen, zu archivieren, zu analysieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, solange es noch Sprecher gibt.
Die Mitarbeiter fahren zu Texasdeutschen nach Hause und lassen sie erzählen: von der Kindheit, von Familientraditionen, von früher. Außerdem übersetzen die Sprecher Listen englischer Wörter und Sätze, die schon die Forscher Fred Eikel 1954 und Glenn Gilbert 1972 verwendet haben, sodass sich die Aussprache von Ort zu Ort und über die Jahrzehnte vergleichen lässt. Das Texas German Dialect Archive enthielt im April 2025 mehr als 1.000 Stunden Interviews mit mehr als 750 Sprechern; rund 30 Prozent davon sind öffentlich zugänglich, mit Transkription und englischer Übersetzung.
Neben dem TGDP pflegen auch Vereine die Sprache. Die German-Texan Heritage Society, gegründet 1978, hat ihren Sitz in der German Free School von 1857 in Austin, bietet Sprachkurse an und unterhält seit 1995 eine Samstagsschule für Kinder. Die Texas German Society wurde 1983 in Harris County gegründet, um Erbe, Kultur und Sprache der Texasdeutschen zu bewahren. Was die deutsche Gemeinschaft in Texas heute ausmacht, zeigt der Leitfaden Die deutsche Community in Texas.
8Wer heute Deutsch nach Texas bringt
Die Sprache der Siedler stirbt, die Verbindung nicht. Bis heute kommen Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Texas, als Unternehmer, Angestellte, Investoren oder mit der ganzen Familie. Ihre Kinder sprechen kein Texasdeutsch, aber viele lernen Deutsch in Samstagsschulen und zweisprachigen Programmen, und manche kaufen ein Haus in einem Ort, in dem die Großeltern der Nachbarn noch Bungis zum Kürbis sagten. Unsere Mandanten schreiben das jüngste Kapitel dieser Geschichte.
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- Texasdeutsch entstand aus den Dialekten und dem regional gefärbten Hochdeutsch der Einwanderer des 19. Jahrhunderts, vermischt mit texanischem Englisch; es gibt keinen zweiten Dialekt wie ihn.
- Um 1900 trugen Zeitungen, Kirchen, Schulen und Vereine die Sprache; 1917 feierten noch 145 Gemeinden Gottesdienst auf Deutsch.
- Schulgesetze von 1909 und 1918, zwei Weltkriege, Schulzusammenlegungen, Highways und Mischehen drängten das Deutsche in die Familie zurück und dann ganz hinaus.
- Seit den 1950er Jahren wird Texasdeutsch kaum noch an Kinder weitergegeben; 2020 sprachen es nach Schätzung des Texas German Dialect Project noch rund 5.000 Menschen.
- Das Texas German Dialect Project der University of Texas at Austin bewahrt die Sprache in mehr als 1.000 Stunden Interviews.
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