Der Lone Star State zwischen Cash und Cowboys

Der US-Bundesstaat Texas gilt nicht nur hierzulande, sondern auch in Amerika selbst als das fleischgewordene Klischee der gesamten Nation. Der offizielle Wahlspruch des Staates lautet „Friendship“, doch inoffiziell gelten die Weisheiten „Everything’s bigger in Texas“ und „Don’t treat on me“ als aphorismenreife Kurzfassungen der texanischen Mentalität. Der fast 700.000 Quadratkilometer große Bundesstaat hat allerdings weitaus mehr zu bieten als schwüle Hitze, endlose Wüsten und erzkonservative Landwirte. Tatsächlich hat Texas längst sein eigenes Klischee überholt und ist einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesstaaten der gesamten USA, in den nicht nur freiheitsliebende Familien, sondern inzwischen auch immer mehr Unternehmen ihren Wohnsitz verlagern. Zuletzt machte beispielsweise Elon Musk von sich reden, als er ankündigte, seinen Firmensitz vom liberalen und damit teuren Kalifornien ins „business friendly“ Texas verlegen zu wollen.

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Konservative Gesellschaft…

Viele Vorurteile, die insbesondere den konservativen Bundesstaaten gegenüber geäußert werden, mögen der veröffentlichten Meinung des deutschen Mainstreams nicht gefallen. Andere ziehen sie dagegen magisch in ihren Bann. Während in Hessen diskutiert wird, dass nur noch Geimpfte sogar in den Supermarkt hineindürfen, hat es in Texas nie nennenswerte Corona-Maßnahmen gegeben. Die von Präsident Biden auferlegte Impfpflicht in manchen Berufssparten wurde vom texanischen Gouverneur Gregg Abott – selbst übrigens ein querschnittsgelähmter Rollstuhlfahrer – sogar für ungültig erklärt.

Zweifelsohne, Texas ist konservativ. Während es in Deutschland und den meisten anderen Ländern üblich ist, dass der Staat das Sagen in Sachen Kindererziehung hat, sieht die Sache im Lone Star State anders aus. Hier ist ein Konzept äußerst popular, das in Deutschland sogar verboten ist: das Homeschooling. Anstatt herkömmlicher Schulen und Highschools dürfen die Eltern selbst entscheiden, wie und wo ihre Kinder lernen sollen.

In Berlin muss man sich nicht selten über den Paketdienst ärgern. Dieser macht sich mitunter gar ich mehr die Mühe, vorbeizukommen, weil niemand Lust hat, schwere Sendungen mit dem Lastenrad zu transportieren. Ganz anders in Texas: Hier wird der wöchentliche Großeinkauf nach wie vor stilecht mit dem eigenen Auto erledigt. Auch etwaige Ideen, wie selbst Jägern den Waffenbesitz zu verbieten, würden im Lone Star State bestenfalls als Absurdität belächelt. Mit großer Selbstverständlichkeit hat jeder Bürger das Recht, seinen Privatbesitz auch verteidigen zu dürfen.

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…und liberale Wirtschaft

Auch wenn viele Medien uns ein anderes Bild vermitteln wollen: Es gibt einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der weder täglich mit neu auszuverhandelnden Gesellschaftsverträgen oder der nicht mehr zu negierenden Spaltung der Gesellschaft durch die mitunter unverhältnismäßigen Corona-Maßnahmen konfrontiert werden möchte. Jene Leute, die als Gesunde nicht ständig ihre Gesundheit unter Beweis stellen wollen und nicht die Hälfte ihres mühsam erarbeiteten Einkommens an einen Staat abdrücken möchten, der damit das diametrale Gegenteil dessen macht, was man sich eigentlich vorstellt. Diese Leute haben immer mehr das Gefühl, dass für sie in dieser Gesellschaft nicht nur kein Platz mehr ist, sondern sie fühlen sich oftmals systematisch ausgegrenzt.

Anders verhält es sich in den meisten Gemeinden in Texas. Entgegen der allgemeinen Meinung bedeutet der texanische Konservatismus aber längst kein staubtrockenes Scheuklappendenken. Vielmehr gestaltet sich dieser mitunter recht pragmatisch. Die persönliche Freiheit ist das wohl höchste Gut – solange sie niemanden anders belästigt. Auch die Freiheit der Wirtschaft gilt als beinahe gänzlich unangreifbar. So erhebt Texas etwa keine Einkommensteuern. Körperschafsteuern fallen ebenfalls erst bei einem Jahresgewinn von deutlich mehr als einer Million Dollar an und die einmalige KfZ-Steuer beträgt nur ein Prozent des Kaufpreises bei Gebrauchtwagen.

So wundert es nicht, dass nicht nur Unternehmer und Wohlhabende aus den Küstenstaaten nach Texas ziehen, sondern auch zahlreiche Arbeiter, Angestellte und inzwischen auch Selbstständige. In Los Angeles etwa liegt der durchschnittliche Wert für Wohnkosten bis zu 630 Prozent über dem nationalen Meridian. Texas liegt im Vergleich dazu sogar sechs Prozent unter dem gesamtamerikanischen Durchschnitt.

Als Mittelwert wird für den Kauf eines ordentlichen Hauses in guter Lage eine Summe von etwa 200.000 Dollar genannt. Die Mieten schwanken je nach Lage zwischen 600 und weit über 1200 Dollar. Und weil die riesigen Distanzen sowieso nur mit dem Auto zurückgelegt werden können, lohnt sich durchaus ein Blick über die Stadtränder von Houston, Dallas und Austin hinaus! Obgleich Austin überaus fußgängerfreundlich ist – was bei weitem nicht für jede amerikanische Stadt gilt – und über ein gut ausgebautes System öffentlichen Personennahverkehrs verfügt. Im Umkreis von einer Stunde liegen unzählige Kleinstädte mit hoher Lebensqualität, aber auch interessanter Geschichte und vielen deutschen Wurzeln, auf die es sich einen Blick zu werfen lohnt.

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Wurstfest und Western-Kulisse

So wurde die Kleinstadt Georgetown nördlich von Austin mit ihrer viktorianischen Architektur zum schönsten Dorf des Staates gewählt. Auch New Braunfels zwischen Austin und San Antonio verspricht mit ihrem deutschen Namen nicht zu wenig: Die 1845 von deutschen Siedlern gegründete Stadt beherbergt nicht nur die älteste Bäckerei des Landes – natürlich in deutscher Hand – sondern zieht außerdem jährlich tausende Besucher zum legendären, zehntägigen Wurstfest an.

Nicht weniger deutsch geht es auch in Fredericksburg zu. Die Gemeinde hat in der Innenstadt bewusst ausschließlich einheimische Einzelhandelsgeschäfte angesiedelt – keine Ketten, keine Konzerne. Dazu zählen neben der obligatorischen Bäckerei natürlich auch mehrere Brauereien und deftige Restaurants mit Schnitzel, Stelze und Bratwurst.

Während Fredericksburg wie eine deutsche Kleinstadt des 19.Jahrhunderts wirkt, hat man wenige Meilen weiter in Gruene das Gefühl, trotz ebenfalls deutschen Namens direkt in der Kulisse eines Westernfilms gelandet zu sein – nur, dass es sich nicht um Staffage handelt, sondern die Kleinstadt wirklich so aussieht.

Und auch Wimberley verspricht mit seinem Slogan „A nice place to visit, a great place to live“ nicht zu viel. Inmitten der Prärie liegt das Dorf von kleinen Seen und Bächen umgeben so idyllisch, dass gleich mehrere Dutzend Filme hier gedreht wurden.

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Texas: The place to be?

Tatsächlich gestaltet sich das Leben in Texas weitaus vielfältiger, als uns oft vermittelt wird. Die Aktivitäten im riesigen Bundesstaat reichen über harte Arbeit und den sonntäglichen Kirchgang hinaus und auch der Freitagabend kann nicht nur im Rodeo verbracht werden. Natürlich sind viele traditionelle Western-Elemente und -sportarten Teil der Folklore, die Touristen aus aller Welt anzieht, sie sind aber auch Teil der eigenen Identität und werden demnach wie selbstverständlich im Alltag gelebt. Gleichzeitig stolpert man in Texas häufig auch über vertraute Ortsnamen wie Schulenburg, Luckenbach, Pflugerville oder Boerne, vor allem in den Counties westlich von Austin und San Antonio.

Sicher mag auch in Texas nicht alles so ideal sein, wie es die Texaner gerne jedem der es wissen oder nicht wissen will erzählen; insgesamt befindet sich der Bundesstaat aber nicht ohne Grund auf dem aufsteigenden Ast. Ganz bewusst hat man sich gegen die andernorts üblichen, ausufernden Steuern entschieden, um das sprichwörtliche mehr Netto vom Brutto zu gewährleisten, im Gegenzug allerdings auch keinen nennenswerten Sozialstaat aufgebaut. Durch die schiere Größe des Staates bleiben die Kosten für Wohnungen und Immobilien aber im vergleichbar leistbaren Rahmen und der hohe Anteil der Landwirtschaft sorgt für bezahlbare Lebensmittelpreise.

Auch die mitunter rigide Gesetzesauslegung und Rechtsführung hat nicht nur die drakonischen Seiten, die man uns wissen lässt. Sie sorgt für eine der niedrigsten Kriminalitätsraten in den gesamten Vereinigten Staaten. Dafür sind andere Gesetze wiederum äußerst lasch. So benötigt ein Erwachsener etwa für den Führerscheinerwerb keine Fahrstunden und kann die Theorieprüfung bequem vor dem heimischen Rechner absolvieren. Ebenso ist die Firmengründung nur ein kleiner Formalakt von wenigen Tagen Dauer.

Insgesamt bemüht sich Texas um eine bewusst deregulierte, vereinfachte Wirtschaftswelt – und das offenbar erfolgreich, wie allen voran das Beispiel von Elon Musk zeigt – und behält dabei dennoch seine gesellschaftlichen Werte und Traditionen bewusst bei.

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