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Emigration nach Übersee

Die letzte Kneipe vor New York

Noch heute steht im Seehafen der norddeutschen Küstenstadt Bremerhaven die „letzte Kneipe vor New York“, eine abgelegene, aber urige Kaschemme, die heute nur noch von Hafenarbeitern und Marinesoldaten, aber vermehrt auch internationalen Touristen besucht wird. Bis 1972 war der „Treffpunkt Kaiserhafen“ aber für viele Auswanderer das letzte Stück Deutschland, das sie sahen.

Im Gegensatz zu Irland oder Portugal war es in Deutschland weniger die Armut, die Auswanderer dazu bewegte, ihr Glück in Übersee zu suchen. Häufig waren es die Diskriminierungen des preußischen Staates gegenüber Katholiken, vor allem aber auf umgekehrt gegen Hugenotten aus der Pfalz, manchmal aber auch die rigide Moral nach der Geburt eines unehelichen Kindes oder die Aussichten auf Landbesitz. Schon im 18. Jahrhundert wanderten allein aus der Pfalz über 100.000 Deutsche nach Übersee. Diese galten aber als besonders renitent, sodass rund hundert Jahre später die Präsidenten Jefferson und Madison die Deutschen für ihre Illiberalität, ihre religiöse Radikalität und antidemokratische Tendenzen fürchteten. Die Deutschen galten als Integrationsverweigerer.

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Deutsch besiedelt seit 1607

Das ist allerdings nicht immer so gewesen. Der erste deutsche Siedler, der Breslauer Arzt Johannes Fleischer, ließ sich schon 1607 in Jamestown im heutigen Virginia nieder. Auch der liberale Staatsgründer von Pennsylvania, William Penn reiste schon 1670 mehrmals nach Deutschland, um Siedler für die neuen Kolonien zu werben, bevor 1683 auf dem Gebiet des heutigen Philadelphia mit Germantown die erste dauerhafte deutsche Siedlung gegründet wurde.

Diese Dörfer hingen überwiegend einem fundamentalistischen Protestantismus oder evangelischen Splittergruppen an, verweigerten Englisch als Umgangssprache und kapselten sich ab. Viele dieser Gemeinschaften wie die Amish bestehen bis heute, wo sie allerdings Bewunderung statt Ablehnung genießen.

Integrationsverweigerer und Querulanten

Die Deutschen genossen anfangs also nicht unbedingt einen guten Ruf; sie galten als Querulanten und Sonderlinge. Andererseits aber schätzte man sie für ihre Disziplin. Während des Unabhängigkeitskrieges entsandten mehrere deutsche Fürstentümer Soldaten nach Amerika und stellten der britischen Krone über 30.000 Mann zur Verfügung. Der preußische Offizier Bartholomäus von Heer kommandierte später die Leibgarde von George Washington. Zudem bestanden mehrere deutsche Regimenter in den regulären Streitkräften des jungen Staates.

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Hektarweise Land geschenkt

Bevor durch den Homestead Act die Great Plains des Mittleren Westens landwirtschaftlich urbar gemacht wurden, was jedem Erwachsenen erlaubte, sich ein 64 Hektar großes Stück Land abzustecken und auch viele Deutsche in die heutige Kornkammer der Staaten führte, waren die Deutschen überwiegend im Maisanbau, den es in Deutschland noch nicht gab, oder als Handwerker tätig – manche davon bereits in großem Stil.

Auch die nach dem Hambacher Fest politisch verfolgten Studenten machten überdurchschnittlich oft Karriere in den Vereinigten Staaten, etwa Gustav Körner, der 1853 Vizegouverneur von Illinois wurde. Kurz darauf war die Abschaffung der Sklaverei ohne das Zutun der inzwischen 1,5 Millionen Deutschen undenkbar. Nicht nur, weil sie mehrheitlich auf dem Unionsgebiet lebten, sondern weil sie vor allem oft Anhänger demokratischer Bewegungen waren, brachten sie weltweit anerkannte Persönlichkeiten wie Carl Schurz hervor, der es bis zum Innenminister brachte. Herbert Hoover, Dwight D. Eisenhower oder Henry Kissinger sind genauso wie Donald Trump Beispiele für politische Karrieren von deutschstämmigen Amerikanern.

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Gab es Karl Mays Amerika?

Zu jener Zeit entstanden auch die von Karl May oder Friedrich Gerstäcker episch beschriebenen Abenteuer in den Weiten des Mittleren Westens oder dem texanischen Niemandsland, das damals noch zu Mexiko gehörte. May reflektiert erst im vierten Band von „Winnetou“ die Erlebnisse seiner eigenen Amerika-Reise, die er selbst jedoch als enttäuschend und langweilig empfand. Als einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit prägte sein umfangreiches Werk aber das Amerika-Bild der Deutschen weit über sein Leben hinaus, vor allem durch die Stimme des deutschstämmigen Westmannes Old Shatterhand. In den Vereinigten Staaten ist Karl May übrigens fast gänzlich unbekannt.

Während May besonders in seinem Spätwerk als religiöser Langweiler gilt, dessen unbeständiges Leben sich schnell als kunstvolle Hochstapelei entpuppte, befand sich Gerstäcker auf mehreren jahrelangen Reisen durch die USA. Auch Schriftsteller wie John Steinbeck können ihre deutsche Herkunft kaum leugnen, das Enfant terrible der amerikanischen Literatur, Charles Bukowski, kam sogar in Andernach am Rhein zur Welt und lernte Englisch erst in den USA.

Deutsch sollte allerdings dennoch nie Amtssprache der Vereinigten Staaten werden, wie die Muhlenberg-Legende behauptet. Es galt lediglich über eine Petition abzustimmen, dass Gesetzestexte künftig auch in deutscher Übersetzung zu erscheinen haben, die nur sehr knapp abgelehnt wurde. In der Tat finden sich aber auch heute noch Informationsbroschüren der Finanzbehörden oder Führerscheindokumente auch auf Deutsch!

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Pfizer, Steinway und Levis

Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Deutschen eine der am höchsten organisierten, am stärksten sichtbaren und am höchsten angesehenen Einwanderergruppen der Vereinigten Staaten, was sich vor allem in ihrem wirtschaftlichen Erfolg zeigte. Der aus Ludwigsburg stammende Chemiker Karl Pfizer gründete in Brooklyn das gleichnamige Pharmaunternehmen, das gegenwärtig weltweit in aller Munde ist, die Solinger Brüder Studebaker eröffneten schon 1852 jene für Sportcoupés berühmten Autowerke, der Orgelbauer Heinrich Steinweg gründete mit Steinway & Sons die wohl exklusivste Klavierfabrik der Welt und Unternehmen wie die Northern Pacific Railroad, Levis Jeans oder das monumentale Kaufhaus Macy’s bestehen seit ihrer deutschen Gründung bis heute – genauso wie natürlich die weltgrößte Brauerei Anheuser-Busch.

 

Heute fährt kein Linienschiff mehr von der Columbuskaje direkt nach New York. Es sind auch nicht mehr die Familien auf gepackten Koffern, Glücksritter und Kaufleute, die hier auf ihre Überfahrt warten, sondern nur mehr die Hafenarbeiter, die sich vor dem norddeutschen Schmuddelwetter aufwärmen, ein paar Schiffsbesatzungen und vor allem Touristen aus aller Welt.

Doch nicht nur aus der heruntergekommenen Industriestadt Bremerhaven liefen hunderte Schiffe gen Westen aus; vor allem Bremen und Hamburg verließen zu Hochzeiten täglich mehrere Schiffe direkt nach New York und brauchten für die 7.000 Kilometer meist nur wenige Tage. Im „land of hope and dreams“ angekommen, trafen die häufig deutschstämmigen Einwanderer auf immense deutsche Communities. Um 1900 stammte die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Großstädte aus dem Ausland, in Chicago zeitweise bis zu 80 Prozent. Die Northwest Side der Stadt war fest in deutscher Hand.

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten es die deutschen Zuwanderer in Amerika von unliebsamen Querulanten zu der wohl angesehensten und erfolgreichsten Bevölkerungsgruppe des amerikanischen Mosaiks geschafft. Der lange Weg beruhte bis heute nicht nur auf der Sehnsucht nach einer Karl-May-Idylle, sondern vor allem auf überdurchschnittlicher Bildung, Fleiß und Disziplin – Tugenden, die im Deutschland der Gegenwart bestraft werden. Oh the times, oh the customs…

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