Darum ist Delaware bei US-Großkonzerne als Registersitz so beliebt

Fast 1,5 Mio. Unternehmen sind in Delaware eingetragen. Aber wie wurde der winzige Staat zu einem Mekka für unternehmerische Aktivitäten?

Perspektive Ausland Podcast: Die Lüge von der „Steueroase“ Delaware 

Vor kurzem widmeten wir eine Folge unseres beliebten Podcasts Perspektive Ausland dem Mythos der Steueroase Delaware. Hören Sie jetzt rein.

 

Werfen Sie nur mal einen Blick auf die Registrierungsunterlagen eines beliebigen Konzerns und die Chancen stehen hoch, dass Sie in diesen die Adresse “1209 North Orange Street” finden. Dieses unscheinbare Bürogebäude erstreckt sich über weniger als einen Stadtblock in Wilmington in Delaware und ist die offizielle Gründungsadresse von über 285.000 Firmen aus der ganzen Welt.

Oberflächlich betrachtet, scheint es erstmal überhaupt keinen Grund zu geben, warum Delaware – die Heimat der Blue Hens und einer Menge Bürgerkriegsdenkmäler – ein Paradies für Unternehmen sein sollte. Es ist nicht nur der zweitkleinste Staat in den USA, sondern mit nur 986.000 Einwohnern auch auf Platz 6 der am wenigsten bevölkerten. 

Dennoch sind dort nahezu 1,5 Mio. Businesses aus der ganzen Welt eingetragen, darunter 68% aller Fortune-500-Unternehmen. Zu den wichtigsten gehören:

Wie entwickelte sich Delaware zum amerikanischen Paradies für Unternehmen? Und warum lassen sich dort so viele Geschäfte nieder? Diesen Fragen widmen wir uns auf dieser Seite.

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Wie alles begann…

Der Grundstein für die Gesetzgebung in Delaware wurde vor über 100 Jahren in New Jersey gelegt. Doch beginnen wir von vorne: Im frühen 19. Jahrhundert musste jedes US-Unternehmen in dem Staat, in dem es geschäftlich tätig war, gegründet werden – und unterlag auch den Steuervorschriften dieses Bundesstaates.

Nach der Industrialisierung begannen riesige Unternehmen wie Standard Oil und der Whiskey Trust, zersplitterte Märkte zu fusionieren. Um dem entgegenzuwirken, erließen viele Staaten Gesetze, die darauf abzielten, Monopole durch hohe Steuern zu regulieren. Anders machte es New Jersey. Der Nachbarstaat von Delaware sah hier eine Chance, die Industrie auf seine Seite zu ziehen.

1891 verabschiedete der Garden State deshalb ein äußerst großzügiges Körperschaftsteuergesetz. Dieses sollte Unternehmen erlauben, nach Belieben zu tun, was sie möchten. Beispielsweise konnten Unternehmen aus anderen Bundesstaaten durch die Gründung einer Tochtergesellschaft in New Jersey jede Menge Steuern sparen und gleichzeitig Vorteile wie unbegrenzte Marktexpansion genießen.

Zahlreiche Großkonzerne nahmen dieses Angebot an. Auf diese Weise verdiente der Bundesstaat so viel an Steuern, dass er seine gesamten Staatsschulden zurückzahlen konnte. Um die Businesses und deren Steuereinnahmen zu halten, schafften andere Staaten ebenfalls Anreize und schlugen in der Steuerpolitik unternehmerfreundlichere Wege ein.

Daraus entwickelte sich ein regelrechter Wettlauf um die Gunst der Unternehmen. Aus diesem sogenannten "Race to the bottom" ging Delaware als Sieger hervor. Der Staat verabschiedete 1899 das Delaware General Corporation Law. Dieses versprach, die Beschränkungen für unternehmerisches Handeln auf ein Minimum zu reduzieren und die gastfreundlichste Geschäftsenklave des Landes zu werden. Delaware sollte ein Ort sein, an dem sich Unternehmen auf den offenen Feldern des Kapitalismus frei ausleben konnten, ohne Einkommensteuer, bürokratische Überwachung und Aktionärsstreitigkeiten.

Eine Kopie des Delaware Corporation Law von 1899 (Widener University, Delaware Law School)

In den darauffolgenden Jahrzehnten vernachlässigten viele andere Staaten (einschließlich New Jersey) ihre Unternehmerfreundlichkeit wieder ein wenig. Mit einer Ausnahme: Delaware. Der kleine Staat an der Ostküste behielt seine steuer- und unternehmerfreundliche Gesetzgebung bei und ist deshalb nach wie vor die erste Wahl vieler Unternehmen. Dank günstiger Konditionen zieht er auch internationale Firmen an.

Aber was genau macht Delaware so verlockend?

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Das Delaware-Schlupfloch

Um zu verdeutlichen, warum Delaware für Unternehmen so attraktiv macht, sehen wir uns ein Beispiel an. Nehmen wir an, Sie betreiben eine Tennisballfirma in Kalifornien, die ein Nettoeinkommen von 100 Mio. Dollar pro Jahr erzielt.

In Kalifornien zahlen Sie zum einen Einkommensteuer auf Ebene des Bundesstaates (8,84% des Nettoeinkommens) – und möglicherweise eine alternative Mindeststeuer (6,65%) – zusätzlich zum Körperschaftsteuersatz von 21% auf Bundesebene.

Hier kommt das Delaware-Schlupfloch zum Tragen: Mit ihm können große Unternehmen in vielen Fällen Millionen an Steuern auf Bundesstaatsebene sparen. Wie das funktioniert erklären wir nun näher.

In Delaware sind immaterielle Vermögenswerte – wie beispielsweise Markenzeichen, Urheberrechte und Leasingverträge – steuerfrei. Das nutzen große Konzerne, indem sie diese Vermögenswerte an eine Tochtergesellschaft in Delaware übertragen. Anschließend zahlen sie an diese eigene Firma Nutzungsrechte für diese Posten. Dies spart auf beiden Seiten Geld:

  1. Das Unternehmen kann diese Zahlungen in seinem Sitzstaat abschreiben und dadurch die Steuerlast drastisch senken.
  2. Das Unternehmen wird nicht auf seine Geschäfte in Delaware besteuert.

Wenn Sie also Ihrer Tochtergesellschaft in Delaware – nennen wir sie "Tennis Ballz, LLC" – 80 Mio. Dollar für die Rechte zur Nutzung Ihrer eigenen Urheberrechte zahlen, könnten Sie Ihr zu versteuerndes Einkommen potenziell von 100 Mio. Dollar auf 20 Mio. Dollar senken und sich somit Steuern in Millionenhöhe sparen.

Natürlich wird Ihnen jeder Steueranwalt in Delaware bestätigen, dass das System dennoch etwas komplexer ist als hier erklärt. Der Prozess lässt sich aber im Allgemeinen wie folgt vereinfachen:

Das berühmteste Beispiel dafür ist Toys "R" Us.

Vor zwanzig Jahren gründete die nationale Kette eine Tochtergesellschaft in DelawareGeoffrey LLC – und zahlte dieser Tochtergesellschaft eine jährliche Gebühr für die Rechte zur Verwendung ihres eigenen Namens und des Maskottchens. Allein im Jahr 1990 konnte das Unternehmen mithilfe dieser Zahlungen rund 2.8 Mio. Dollar (heute 5,5 Mio. Dollar) an Steuern in South Carolina sparen.

Eine Tochtergesellschaft in Delaware bringt zudem auch eine Reihe anderer Steuervorteile mit sich, einige davon sind:

  • Keine Körperschaftsteuer auf Bundesstaatsebene
  • Keine Sales Tax
  • Keine Steuer auf Zinsen/sonstige Kapitalerträge
  • Keine Mehrwertsteuer
  • Keine persönliche Vermögensteuer
  • Keine Erbschaftsteuer

(Wohlgemerkt: Das gilt alles nur auf Bundesstaatsebene! Die sehr viel happigeren Steuern im Bund fallen trotzdem an!!!)

Anstatt all dieser Steuern zahlt ein Unternehmen in Delaware nur eine Franchise Tax (175 bis 180.000 Dollar, abhängig von der Größe) sowie niedrige Gebühren für einen Registered Agent vor Ort, Jahresmeldungen und die Registrierung.

Während diese kleinen Gebühren für die einzelnen Konzerne im Vergleich zu den Steuereinsparungen nur Peanuts sind, stellen sie für Delaware eine lohnenswerte Einnahmequelle dar. Sie machen bis zu 41% der gesamten Einnahmen des Bundesstaates aus. Im Jahr 2019 beliefen sie sich gesamt auf 1,4 Mrd. Dollar.

Umgekehrt ist diese Praxis für andere Staaten aber weniger erfreulich: Es wird geschätzt, dass das Delaware-Schlupfloch andere Staaten bis zu 9,5 Mrd. Dollar pro Jahr an kollektiv verlorenen Steuereinnahmen kostet.

Das Thema Delaware als Steuerparadies der USA haben wir auf einer eigenen Seite genauer unter die Lupe genommen und sämtliche Informationen für Sie zusammengetragen. Wenn Sie die Zusammenhänge endlich verstehen wollen, klicken Sie hier.

Steuervorteile sind aber nicht der einzige Grund, warum es große Firmen nach Delaware zieht: Die meisten Unternehmen schätzen den Staat wegen seiner Privatsphäre und der Gerichte. Sie sind für viele ausschlaggebend dafür, sich in dem Ostküstenstaat anzusiedeln.

Privatsphäre & Zweckmäßigkeit

Sobald sich ein Unternehmen in Delaware registrieren möchte, arbeitet es über einen Registered Agent – eine Person oder ein Unternehmen vor Ort, die bzw. das als Mittelsmann fungiert, den Papierkram erledigt und dem Tochterkonzern eine physische Adresse zur Verfügung stellt.

In Delaware gibt es 2 riesige Registered Agent-Anbieter:

  1. Ct Corporation (1209 Orange Street) ist wie bereits eingangs erwähnt die Heimat von über 285.000 Unternehmen, darunter Walmart, Apple und Coca-Cola.
  2. CSC (2711 Centerville Road) ist der Registered Agent von Konzernen wie McDonald's, Amazon und Facebook.

Dieses unscheinbare Bürogebäude in der 1209 North Orange Street in Wilmington, Delaware, ist die Adresse von ca. 300.000 Unternehmen aus der ganzen Welt. Keines von ihnen ist aber tatsächlich hier ansässig.

Im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten kann der Gründungsprozess in Delaware in weniger als einer Stunde über die Bühne gehen. Dabei verlangt der Staat von Unternehmen keine Offenlegung der Namen von Gesellschaftern und Direktoren. Die Gründung ermöglicht also mehr Privatsphäre und kommt deshalb bei vielen Unternehmern gut an.

"Delaware ist der Staat, der die wenigsten Informationen benötigt", sagte ein Registrierungsagent aus Delaware der New York Times 2012. "Tatsächlich braucht es sogar überhaupt keine. Delaware hat nicht nur die geheimsten Unternehmen der Welt, sie sind dort auch am einfachsten zu gründen."

Carl Levin, ein pensionierter Senator aus Michigan sagte einmal, dass es einfacher sei, ein Unternehmen in Delaware zu gründen, als den Führerschein zu bekommen. Dieser Umstand brachte in Kombination mit der größeren Anonymität in den letzten Jahren auch eine Reihe zwielichtiger Unternehmen nach Delaware:

  • Viktor Bout, ein russischer Waffenhändler, der einst als "Händler des Todes" bekannt war, hatte fast ein Dutzend Briefkastenfirmen in Delaware.
  • Tim Durham nutzte eine Briefkastenfirma aus Delaware, um mit einem Pyramidensystem im Wert von 207 Mio. Dollar mehr als 5.000 ältere Amerikaner zu betrügen.
  • Carl Ferrer betrieb Backpage.com, eine Website für Sexhandel, über eine Briefkastenfirma aus Delaware.
  • El Chapo benutzte eine Delaware LLC, um seine Kartelldrogengelder zu verstecken.

Auch wenn es einige schwarze Schafe gibt, handelt es sich beim Großteil der Corporations und LLCs aus Delaware natürlich um völlig legitime Unternehmen. Und für diese seriösen Firmen ziehen vor allem die Gerichte des kleinen Bundesstaates an.

Ein vorteilhaftes Gerichtssystem

Delaware verfügt über den sogenannten Court of Chancery. Hier fallen Unternehmensklagen in den Zuständigkeitsbereich von Richtern – die sich auf Gesellschaftsrecht spezialisiert haben – und nicht in den von Jurys. Während durchschnittliche Zivilprozesse in den USA 2-3 Jahre andauern können, ist der Prozess in Delaware weitaus zielführender und schneller.

Die Justizbeamten des Delaware Court of Chancery beaufsichtigen die geschäftsbezogenen Rechtsstreitigkeiten des Staates (Delaware.gov).

In einem Bericht von Priceonomics sagte der ehemalige Chefrichter des Court of Chancery: "Wenn Sie eine Antwort in vier Tagen benötigen, erhalten Sie diese in vier Tagen. [Delaware's] Oberster Gerichtshof wird Himmel und Erde in Bewegung setzen, um Ihnen eine Berufungsantwort zu geben." Viele Rechtsexperten kritisieren, dass diese Gerichte überwiegend zum Vorteil von Unternehmen handeln – insbesondere wenn es um Streitigkeiten mit Aktionären geht.

Das große Ganze

Trotz seiner vielen Vorteile wird über den Status von Delaware als inländische Steueroase dennoch breit diskutiert. Der Bundesstaat befindet sich irgendwo zwischen geschätztem Steuerparadies und viel kritisiertem Buhmann. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass er einen großflächigeren Trend repräsentiert und damit nur ein Puzzleteil eines größeren Ganzen darstellt. Die USA haben sich in den letzten Jahrzehnten sukzessive von der finanziellen Transparenz entfernt.

Laut dem Tax Justice Network – einer Interessengruppe, die Steuervermeider verfolgt – sind die USA heute die zweitgrößte Steueroase der Welt. Sie liegen dabei nur ganz knapp hinter den Kaimaninseln. Die sogenannte "Vermögensverteidigungs”-Industrie der Staaten beruht auf einem System voller Briefkastenfirmen, geheimer Bargeldspeicher und Steuervermeidungsmechanismen. Sie hat die Einkommensungleichheit im Land zunehmend vergrößert. Arm und Reich driften immer weiter auseinander.

Man bemüht sich aber um Pläne, dem entgegenzuwirken: Ein neues, Ende 2020 verabschiedetes Gesetz auf Bundesebene, soll anonyme Briefkastenfirmen in den USA verbieten. Wie sich dies auf Delaware auswirken könnte, blieb aber vorerst unklar. Wer seine Bedenken in der Zwischenzeit äußern will, hat ja nun die Postadresse von über zwei Drittel der Fortune-500-Unternehmen…

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Fazit – für diese Unternehmen lohnt sich Delaware

Besonders wichtig zu verstehen ist, dass sich die auf dieser Seite beschriebenen Vorteile, die Delaware für Unternehmen bietet, nur auf große Konzerne beziehen. Diese können dank gruppenintern verrechneten Lizenzgebühren und ähnlichen Zahlungen über eine Tochtergesellschaft in Delaware Steuereinsparungen in Millionenhöhe erzielen. 

Darüber hinaus helfen derartige Gestaltungen natürlich lediglich dabei, die Steuerlast auf Ebene des Bundesstaates zu senken und richten sich deshalb an Unternehmen innerhalb der USA. An den Steuern, die an den Bund bezahlt werden müssen, ändert eine in Delaware installierte Gruppengesellschaft nichts.

Hier erfahren Sie, welche Bundesstaaten bei ausländischen Investoren besonders beliebt sind und warum

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